Tanzcompagnie Rubato_Shanghai Report/Fremd-Körper/2011/2

FREMD-KÖRPER – ein Projekt der Tanzcompagnie Rubato

Fremd/2011/2

Shanghai 13. Mai 2011

—  Was Eigenes und Fremdes ist, bestimmt sich im Ereignis des Antwortens —


Alltag – U-Bahn  – der dritte Körper


Die Frau hat sich ganz tief in die Hocke gesetzt. Sie befindet sich nicht draußen auf der Straße, am Straßenrand,

wo man dieses Bild des sitzenden, wartenden Chinesen häufiger sieht. Nein, sie sitzt in einer U-Bahn in Shanghai, direkt vor der automatischen

Schiebetür eines U-Bahn Waggons. Der Waggon ist brechend voll, bei jedem Halt schiebt sich eine Menge raus und wird ausgetauscht durch  

mindestens ebensoviele Einsteigende. Die Frau bleibt unbeirrt und stoisch direkt vor dem Aus- und Eingang sitzen. Sie ist keine Han-Chinesin,

sondern gehört  einer der 52 chinesischen Minderheiten an, ihr Gesicht  und ihre Haltung zeigen das ganz klar. Niemand beschwert sich, niemand scheint

wirklich Notiz von ihr zu nehmen, sie sitzt da wie ein Objekt, ein Gepäckstück das vergessen wurde. Vielleicht fährt sie zum ersten Mal mit einer U-Bahn?


Die junge Frau kramt schon seitdem ich in den U-Bahn Zug eingestiegen bin in ihrer roten Handtasche. Sie ist hübsch, weiß geschminktes Gesicht, sehr dick

aufgetragenes Lipgloss. Sie sortiert unentwegt kleine Täschchen um. Sie kramt zwei sehr große auffällige Ohrringe hervor, mit Hilfe eines winzigen

Spiegels fädelt sie diese in ihre Ohrläppchenlöcher. Sie kramt weiter, räumt um, öffnet Fächer, steckt etwas von hier nach da, mittlerweile schauen auch schon die ihr 

gegenübersitzenden Chinesen neugierig zu wie es weitergeht. Sie fischt eine kleine Cremetube aus ihrer Handtasche und beginnt mit großer Kraft aus der fast leeren Tube noch ein Spur Creme herauszudrücken.

Sie setzt den ganzen Körper dafür ein. Plötzlich steht sie auf, lässt ihre Handtasche einfach stehen und stellt sich direkt vor eine Ausgangstüre. Alle Zuschauer blicken 

sich abwechselnd fragend an. Der Zug hält, Fahrgäste steigen aus und ein, sie bleibt einfach stehen. Der Zug setzt sich in Bewegung, fährt vom hell erleuchteten U-Bahnhof

in den dunklen Tunnel. Das Fensterglas der Zugtüre ist jetzt wie ein Spiegel, die hübsche, auffällig geschminkte Frau beginnt zwischen zwei U-Bahnhöfen ihr Gesicht einzucremen.

Es scheint für sie keine Rolle zu spielen sich an einem öffentlichen Ort zu befinden. Sie verhält sich jedenfalls so als ob sie alleine in ihrem Badezimmer ist.


Die Haare wollen sich einfach nicht so hinkämmen lassen, wie es das junge chinesische Mädchen haben möchte. Unentwegt fährt sie mit ihren Fingern durch ihre langen schwarzen

Haare. Legt diese Strähne hierhin, jene dorthin und beginnt wieder von vorne. Völlig selbstvergessen blickt sie in das spiegelnde Fensterglas des U-Bahn Zuges.

Sie hat sich ganz nahe an die Türe gestellt. Immer und immer wieder durchkämmt sie ihre Haare, sortiert einzelne Haare aus, streicht sie, legt sie, drückt sie in neue Richtungen. 

Sie steigt dort aus wo auch ich den Zug verlasse. Ich folge ihr noch etwas, sie hört nicht auf ihre Haare zu korrigieren auch im gehen, immer wieder, auch ohne die Referenz des Spiegels.

Es fällt auf, dass der Hang, vor allem der jungen Chinesen, zu einem individuelleren Aussehen, Haarschnitt, Kleidung, Schminke, eindeutig zugenommen hat, innerhalb eines Jahres

– unser letzter längerer Aufenthalt in Shanghai war von April – Juni 2010.  Die U-Bahn als öffentlicher Ort wird zur Präsentationsplattform des individuellen Körpers, des Lifestyle. Eine Haltung die nicht “typisch chinesisch” ist.

Im Proberaum sprechen wir über unsere Beobachtungen “durch die Augen von Fremden”. Es gibt in der jungen chinesischen Generation (16 – 22 jährigen) tatsächlich so etwas wie das Erschaffen eines “dritten Körpers”.

Junge Chinesinnen legen das typisch weibliche ab, generieren sich androgyner, “tuffer”, dicke schwarze Hornbrille, Kurzhaarschnitt, selbstbewusstes Auftreten. Während junge chinesische Männer 

sich auffällig modischer kleiden, zum Teil dezent schminken, eher “weicher, weiblicher” auftreten. So findet eine Annäherung von beiden Seiten aus statt männlich > weiblich/

weiblich > männlich. Das hat nichts mit lesbisch oder schwul zu tun, wird uns versichert, es handelt sich vielmehr um ein Anderes , Fremdes… um einen dritten Körper …

Shanghai zeigt sich immer krasser als Experimentierfeld für Konsum, für Freiheiten im individuellen, privaten Kontext, für die Suche nach dem “anderen Körper”. 

Andererseits hören und lesen wir über Auseinandersetzungen innerhalb der Führung des Landes, über einen anderen Kurs, gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich. Liu Xiaobo, Ai Wei Wei, der Umgang der

politischen Führung mit diesen Protagonisten einer demokratischen Freiheitsbewegung, sind Beispiele, Zeichen, für die Duchsetzungskraft einer Gruppe von Hardlinern innerhalb der Führung der KP China´s,

die anscheinend versuchen den eher gemässigten Kurs von Hu Jingtao und Wen Jiabao, in Zukunft zu verändern. Noch weiß niemand wie dieser Konflikt enden wird.

Herzliche Grüße aus Shanghai

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Fragen an Herrn Wang Min An _ Projekt Fremd-Körper_Staffel 2

2. Staffel:

April 2011

Sehr geehrter Herr Wang Min `An,

尊敬的汪民安先生,

zuerst möchte ich Ihnen sehr herzlich  danken für Ihre überaus anregenden Antworten.

Es entstehen neue Fragen daraus, die ich Ihnen gerne Stellen würde, in der Hoffnung, Sie nicht zu langweilen oder

Ihre Zeit zu sehr in Anspruch zu nehmen.

首先衷心感谢您的回答,对我很有启发。就此又有一些问题,

希望不会使您感到无趣或占用您太多时间。

1. Die erste Frage betrifft den Begriff  “Körperbild”.

    Gibt es ein historisches  Körperbild in China? Das heißt, ein Vorstellung vom Körper und

über den Körper die von vielen Chinesen geteilt wurde, allgemein gültig war?

   Gibt es heute ein zeitgenössisches “Körperbild”, welches viele Chinesen für sich in

Anspruch nehmen würden von dem sie überzeugt sind, dem sie folgen?

首先关于

身体形象

这个概念

中国有没有一个历史上的

身体形像

被众多中国人认可的,一般都适合的,对于身体和关于身体的描绘?

当今有没有一个 使众多中国人希望达到的,让人信服的,让人追求的,现代的身体形像

Antwort zu 1.

答:因为照片的技术很晚才发明,而中国绘画又不是写实的,所以我们无从知道19世纪之前的中国某个古代人物的真实形象。中国古代的四大美女家喻户晓。但是,遗憾的是,谁也不知道她们的真实面孔。关于她们的面孔和形象的描述都充满着诗意和夸张的想象--中国文化描写一个人的容貌通常是迂回的,而不是直接的。比如说,一个美女如此之美丽,竟然让花都感到羞愧。另外一个美女在河边的时候,居然让水中的鱼都看呆了,以至于这些鱼忘记了划水而沉到了水底。关于这些美女的形象也完全迥异,比如有一个美女(杨贵妃)居然是以丰满著称的。

在今天,很难说有一个“身体形象”被公认为一个标准的形象。事实上,中国今天有好几个著名的明星受到广泛的关注。就身体形象而言,她们并不接近。除了消瘦之外,我看不出她们的共同之处。有一个产生巨大影响的年轻女歌手李宇春,她有中性的特征,被许多年轻人追逐。

Zu 1.

Da die Fototechnik erst sehr spät erfunden wurde und die chinesische Malerei nicht realistisch war, ist es schwer zu sagen, wie die chinesischen Menschen vor dem 19. Jahrhundert ausgesehen haben könnten. In der alten Zeit gab es die vier Schönheiten * (Frauen), aber leider weiß niemand wie diese vier Schönheiten wirklich aussahen. Die Beschreibungen über ihre Gesichter und Figuren sind sehr poetisch, mit übertriebener Phantasie – wenn in der chinesischen Kultur beschreiben wird wie das Gesicht aussieht, geschieht dies meistens indirekt. Z.B. wird eine der vier Schönheiten als so schön beschrieben, dass die Blumen sich schämten. Oder, eine andere schöne Frau geht am Fluss entlang, ein Fisch sieht die Frau und taucht wegen ihrer Schönheit  tiefer auf den Grund hinab. Diese vier Schönheiten sind unterschiedlich beschrieben, eine wird z.B. im positiven Sinne als dick bezeichnet.Heute lässt sich sehr schwer sagen, welches bestimmte Schönheitsideal es in China gibt. Heute gibt es Superstars, deren Körper ganz verschieden sind. Außer das sie alle dünn sind, gibt es keine Gemeinsamkeiten. Es gibt eine sehr berühmte Sängerin Li Yu Zhun, ihr Merkmal ist, dass sie geschlechtslos ist. Sie ist bei jungen Menschen sehr beliebt.

2. Die zweite Frage betrifft den Begriff des “Fremden”

    Welche Rolle spielt das “Fremde” als Phänomen zum Beispiel der Anziehung, des

    Exotischen, aber auch der Gefahr, der Bedrohung,  der Abgrenzung, in der 

    heutigen chinesischen Gesellschaft?

第二个问题关于外来的,异国的

外来的,异国的作为一种现象对于当今中国社会起个什么角色?比如 觉得吸引,异国风情,还是感到危险,威胁,排斥?

Antwort zu 2

觉得外来者是威胁的时代已经过去了。在中国,有少数的民族主义者对外国有排斥,但是,是对一个抽象的外国,比如,抽象的美国,或者抽象的“欧洲人”产生排斥心理。但是,对于具体的外国人和外国的东西,中国人很少产生排斥心理--以我的经验来看,中国人是对外国人最友好的。总体来看,“外来者”是作为陌生的形象引发了好奇,从而吸引了中国人。但是,在北京上海这样的大都市,人们不再将异国者看作是特殊的对象--他们接触得太多了。但是,在中国的其他地方,外来者还是作为陌生的东西引发了好奇心。

 Zu 2.

Die Zeit, in der man die Fremden als Bedrohung sah, ist vorbei. Es gibt in China auch Nationalisten die alles Fremde abwehren. Aber auch sie haben ihre Abneigung nur gegenüber einem abstrakten Ausland, einer abstrakten USA, einem abstrakten Europa. Aber konkrete ausländische Menschen wecken bei Chinesen kaum Abneigungen. Meiner Meinung nach sind die Chinesen gegenüber Ausländern das gastfreundlichste Volk.Allgemein sind „die Fremden“ mit ihren fremden Figuren sehr anziehend für Chinesen. Allerdings, in Beijing und Shanghai ist „der Fremde“ keine Besonderheit mehr, weil er sehr geläufig ist. Aber auf dem Land gibt es noch diese Neugierde.

3. Schließlich noch ein Begriff, den des “Fremdkörpers”:

    Für uns hat dieser Begriff zunächst zwei Aspekte: 

    zum Einen bedeutet er etwas was in unserem Körper sich befindet, dort aber nicht

    hingehört, also ein Problem für die Medizin. Dieser Aspekt interessiert uns nicht!

    Zum Anderen bezieht er sich auf Körper fremder Kulturen oder Körper mit einer fremden

   Verhaltensweisen oder fremden Angewohnheiten.

    Für uns in Europa hat dies sehr viel mit der Auseinandersetzung gegenüber Menschen mit

    einem fremden kulturellen Hintergrund zu tun.

    Auch hier gibt es sowohl die Faszination an der Andersartigkeit  der Körper, des Ausdrucks,

    der Erscheinung, aber auch die Verunsicherung 

   oder gar die Angst vor dem Fremden-Körper und der damit zusammenhängenden fremden

   Erscheinung, dem fremden Umgang mit Kultur, Leben…

   Gibt es diese Phänomene auch in China? Ist der Begriff des “Fremdkörpers” geläufig?

另外就是外来()的概念

外来()对于我们来说有两个概念。一个就是我们身体中出现了不属于身体的物质,指医学上用语。对此我们不想探讨。

另一个概念针对充满异国文化的身体,或者说具有异国行为和习性的身体而言。 对于我们欧洲人来说 这个概念很多地运用在与有外国背景的人的接触上,在这个方面的感受是对于与己不同的身体,表情,形象感到具有吸引力, 但另一方面又对异国的身体及相带的异国形象,异国文化,生活…..感到不安甚至害怕.

中国是否也有这种现象?异国身体这个概念常用吗?

Antwort zu 3

我们很少说异国身体这个概念。有时候用“外国人”指代这个概念。当然,外国人的概念要复杂得多。确实,我们要将身体和文化结合起来谈论这个问题。我观察到的现象是,中国人更愿意接触或者尝试白种人的身体--或许是因为愿意接触欧洲文化或者美国文化。很多中国女孩嫁给了欧洲或者美国的白人。人们对此习以为常。我的一个朋友告诫她的女儿,无论如何,你不能带一个黑人或者阿拉伯人回家--他的意思是,她的女儿可以同美国人或者欧洲人接触(结婚),但是,不能同黑人或者阿拉伯人(接触)结婚。在这里,人们似乎相信,身体是文化的表征。我相信,肤色和种族的要素(我们暂且不要断定这是种族主义!)是中国人对待外来身体的一个重要的考虑。总体来说,因为强烈的好奇心,或许人们愿意去接触甚至尝试“发达的”(advanced)外国身体(白人身体)以及它所负载的相应的外国文化(白人文化)。

Zu 3.

Wir sagen sehr selten das Wort FREMDKÖRPER (Yi Wu,  oder Yi guo shen ti  ) man sagt einfach „außerhalb des Landes Mensch“(wai guo ren). Selbstverständlich ist der Begriff „wai guo ren“ sehr kompliziert. Eigentlich müssen wir, wenn wir über dieses Thema sprechen, Körper und Kultur zusammen sehen. Ich beobachte, dass Chinesen sehr gerne mit weißen Körpern in Kontakt kommen möchten. ( a. d. Ü. „In Kontakt kommen“ hat im Chinesischen auch die Bedeutung : berühren / probieren  Wahrscheinlich, das vermute ich, weil sie die Berührung (Kontakt) zur europäischen / amerikanischen Kultur haben möchten. Viele chinesische Mädchen haben europäische Weiße geheiratet. Das ist für Chinesen mittlerweile selbstverständlich. Ein Freund von mir sagt seiner Tochter, egal was passiert, du darfst keinen Schwarzen oder Araber mit nach Hause bringen. Er meint seine Tochter kann einen Europäer oder Amerikaner heiraten, aber keinen Araber oder Schwarzen. Scheinbar glauben die Menschen, der Körper zeigt die Kultur. (Ich möchte nicht als rassistisch gelten, aber ich glaube die Hautfarben und Rassen sind die beiden wesentlichen Elemente in Bezug auf den Körper eines Menschen.) Allgemein lässt sich sagen, dass es eine starke Neugierde gibt in Bezug auf den „advanced“ europäischen Körper, auch weil man mit diesem entwickelten europäischen Körper die damit verbundene entwickelte Kultur verbindet mit der man in Kontakt treten möchte.

4. Wir fanden Ihre Antwort bezüglich des zeitgenössischen Tanzes in China sehr interessant! Wir werden unsere chinesischen Tänzer/Choreografen Kollegen

    damit konfrontieren, und werden mit ihnen eine Diskussion führen und ein praktische Untersuchung beginnen, ausgehend von Ihrer Einschätzung.

    Wir werden Sie darüber informieren.

我们觉得您对中国现代舞的看法很有意思!我们会以此和我们的中国舞蹈演员和编舞进行探讨并从您的看法出发作个观察。我们将会给您提供我们的观察信息。

Für heute ganz herzliche Grüße nach Beijing

衷心祝愿传向北京

Dieter Baumann 

Anmerkungen, Erläuterungen:

Die vier Schönheiten:

Quelle Wikipedia:

Als die Vier Schönheiten (chin. 四大美人, sì dà měi rén) werden vier Gestalten der chinesischen Geschichte beziehungsweise Mythologie bezeichnet, die für ihre außerordentliche Schönheit bekannt sind. Sie stellen zwar historische Figuren dar oder sind zumindest solchen nachempfunden, jedoch wurden ihre Lebensläufe mit zahlreichen Legenden ausgeschmückt. So sollen die Vier Schönheiten ihren Ruhm in der Nachwelt dem Zauber verdanken, den sie auf die Herrscher ihrer Zeit ausübten. Oft wird ihnen gar der Untergang eines Königreiches oder einer Dynastie zugeschrieben. Ihre Lebensgeschichten enden in der Legende meist tragisch.

Die Vier Schönheiten Chinas in chronologischer Reihenfolge:
In der chinesischen Literatur werden die Vier Schönheiten als edel und unnahbar beschrieben, aber auch mit allen in China traditionell weiblichen Tugenden behaftet. Daneben werden ihnen immer wieder kleine Makel angedichtet, um ihre Gestalten wirklichkeitsnaher erscheinen zu lassen. Xi Shi soll beispielsweise größere Füße als die meisten Frauen ihrer Zeit gehabt und an Schmerzen im Brustkorb gelitten haben. Yang Guifei roch unangenehm und war etwas untersetzt, entsprach aber dem Schönheitsideal der Tang-Dynastie.
Von den Vier Schönheiten scheint lediglich Diaochan eine erdichtete Figur zu sein, da ihr Name in keiner historischen Quelle auftaucht. Im Buch der Späteren Han ist zwar eine Dienerin des damaligen Kriegsherrn Dong Zhuo erwähnt, mit der dessen Leibwächter Lü Bu eine Affäre hatte, aber deren Name nicht bekannt ist. Außerdem ist Diao ein ungewöhnlicher chinesischer Familienname, wohingegen diaochan den Hutschmuck der obersten Beamten der Jin-Dynastie bezeichnet.

Fragen an Herrn Wang Min An _ Projekt Fremd-Körper

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Fragen an Herrn Wang Min An:

Unter dieser Überschrift veröffentlichen wir einen laufenden Fragen – Antworten Dialog mit:

Wang Min’an (汪民安) geboren 1969, Dr. der Literatur und Professor für ausländische Literatur an der Pekinger Fremdsprachenhochschule, beschäftigt sich mit Theorie der Kritik, Kultur und Gegenwartskunst und Literatur.

U.a. hat er die Bücher  “Körper, Raum und Moderne”  《身体、空间与后现代性》 und “Kultur und Politik des Körpers” (身体的文化政治学 ) geschrieben.

Leider sind diese Bücher (noch) nicht ins deutsche übersetzt und so bleibt uns nur der Weg unsere Fragen an Herrn Wang Min An über unsere chinesische Übersetzerin Frau Wu Qian hin und her übersetzten zu lassen.

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1. Staffel:  März 2011

Sehr geehrter Herr Wang Min An,

尊敬的汪民安先生,

ich sende Ihnen einige Fragen die das Verhältnis Körper – Kultur – Politik betreffen.

Es sind zum Teil abstrakte Fragen, die sich vielleicht durch unseren weiteren Dialog konkretisieren lassen.

我想向您提出一些有关身体文化政治方面的问题。有些问题比较抽象,我们可以通过以后的探讨更具体化。

1. Der Begriff des „FADEN“ des „Losgelöst sein von … “ ( chinesisch – dan ?) spielt eine zentrale Rolle in der konfuzianischen und taoistischen Philosophie / Geschichte. Soweit ich diesen Begriff verstanden habe, steht er in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Begriff der „Harmonie“, des „Neutralen“. Haben diese Kategorien im gegenwärtigen China noch eine Relevanz, einen Stellenwert für das zeitgenössische Leben, für den „normalen Menschen“?

淡化的这种概念在孔子老子哲学思想和历史上占着中心地位, 我对这个字的理解是,它同和谐中立两个概念密切相关。这类观念在目前中国对于现代的生活,对于普通人还有重要意义和地位吗?

Antwort zu 1.

答:“淡”确实是中国哲学和美学的一个重要概念。但是,它与孔子的关系不大,和老子、庄子的关系密切一些。“淡”同“和谐”、“中立”有很大的差距。“和谐”强调的是人和人之间的关系,强调人际相关性,而“淡”更多的是强调个人自己的态度,一种不激进,不强烈地,不执著的人生态度;同时,在美学上,也强调一种平易、简单、不过分渲染的风格。就今天的中国人而言,作为一种生活态度,淡是许多人所向往的,但是,很少有人在现实中做到这点--今天的中国人对生活过于投入了。或许,因为人们很难做到这一点,所以,只是在内心深处向往“淡”。

Zu 1. 

Der Begriff des „dan“ ist ein wesentlicher Begriff in der chinesischen Philiosphie und Ästhetik. Aber er hat mit Konfuzius nicht  sehr viel zu tun, eher mehr mit Laoismus und Zhuangismus . „ Dan „ unterscheidet sich stark zur „Harmonie“ und „Neutralen“, während  „Harmonie „die Verhältnisse zwischen Menschen, die Verbundenheit menschlicher Beziehungen betont,  zeigt  „Dan“ die individuelle Wertschätzung. Es  ist eine nicht radikale, nicht starke, nicht hartnäckige  Lebensanschauung. In der Ästhetik ist er ein leichter, einfacher, nicht übertriebener Stil. Viele Chinesen sehnen sich nach dieser Lebensanschauung, können dies jedoch nur selten erreichen —Die Chinesen von heute stürzen sich zu sehr ins Alltagsleben. Im Alltag ist ,,Dan’’ schwer erreichbar, im tiefen Inneren aber sehnt man sich sehr danach.

2. Sind die Chinesen heute individualistischer als noch vor 10 – 15 Jahren? Wenn dem so ist, welche Gründe gibt es dafür?

中国人比10-15 年以前更个体化了吗?如果是这样,是什么原因促使的? 

Antwort zu 2.

一方面人们是比10年前个体化了。 社会多样化了,人们的选择也多样化了,人们可以按照自己的兴趣生活--没有什么外在的规定迫使你干什么--你可以自由选择。但是,另一方面,人们又非常相似,所有的人都成为经济动物。就这点而言,人们并没有个体化。大家都在拼命地挣钱--尽管可以从事各种各样的职业,可以选择性地生活,但是,挣钱是所有人的目标。因为,在中国,社会保障非常糟糕,唯有金钱才能让人们有安全感。

Zu 2.

Einerseits sind die Chinesen  im Vergleich vor 10 Jahren individueller geworden, gesellschaftlich auch vielfältiger. Man hat viel mehr Auswahl und kann nach eigenen Interessen leben—es gibt keinen Druck von außen, der jemandem zu etwas  zwingt — Du kannst frei auswählen. Anderseits sind die Menschen wiederum besonders ähnlich geworden, alle sind ein wirtschaftliches Tierwesen geworden. Aus dieser Sicht sind die Menschen jedoch nicht individuell geworden. Jeder kämpft für das Geld –egal welchen Beruf man ausübt, egal welchen Lebensstil man aussucht, –Geldverdienen ist das Ziel Aller.  Es kommt daher, dass China  über schlechte Sozialversicherung verfügt,  nur durch  das Geld bekommt man ein Sicherheitsgefühl.

3. Wie hat sich, bezogen auf Frage 2 (Individualismus) das Verhältnis zum Körper verändert, gesellschaftlich und individuell?

 针对第二个问题,个体化带来了身体上什么改变,社会上, 个人上?

Antwort zu 3.

每个人可以选择自己的服装,选择自己的发型,选择自己的体型。人们可以肆意装扮自己--这点是完全自由的。但是,在今天,我要说,对身体的影响,最主要的还是来自经济的巨大变化。经济能改变人们的身体--无论是从装扮上,还是从饮食上。就装扮而言,人们可以追逐世界各地的时尚。就饮食而言,因为中国人频繁地去饭馆吃饭,许多人因为饮食过多,过油腻,而改变了身体,使得身体变得肥胖,臃肿,并且患有各种潜在的疾病(血脂高等)。同时,这些人又为了让身体恢复到健康状态,又到健身房去锻炼身体。无论是去饭馆还是去健身房;无论是追逐什么样的时尚,都需要金钱。在二十年前,中国既没有什么人去饭馆,也没有什么人去健身房。在1970年代,中国是没有胖子的。当然,也没有化妆。

Zu 3.

Jeder hat die freie Wahl für individuelle Bekleidung, individuelle Frisur, individuelle Figur. Jeder kleidet  sich willkürlich—es ist absolut frei. Aber ich muss sagen, der Einfluss auf den Körper kommt heutzutage wesentlich aus der rasanten, wirtschaftlichen Entwicklung. Die Wirtschaft ändert die menschlichen Körper—-das sieht man an der  Kleidung und der Ernährung. Was die Kleidung betrifft, wollen alle die neueste Mode. Was die Ernährung betrifft, gehen Chinesen ständig im Restaurant essen. Durch zu viel und zu fettiges Essen, ändert sich die körperliche Form, der Körper wird dicker, bekommt latente Krankheiten, wie z.B. hohe Blutfettwerte. Gleichzeitig, um den Körper wieder in gesundheitlichen Zustand zu bringen, geht man ins Fitnesscenter, um den Körper zu trainieren.  Ob zum Restaurant oder Fitnesscenter, egal welche neueste Mode man trägt, man braucht Geld. Vor 20 Jahren gingen sowohl wenige Menschen ins Restaurant als auch ins Fitnesscenter. In den 70er Jahren gab es in China kaum dicke Menschen. Selbstverständlich schminkte sich auch keiner. 

4. Körper, Gesundheit, Ernährung stehen in einem engen Zusammenhang, gibt es in China wahrnehmbare Veränderungen im Bezug auf diesen Zusammenhang?

身体,健康,营养相互联系紧密,在中国这三者关系上 有没有明显改变?

Antwort zu 4.

这点非常明显。在最近十多年中,几乎所有的中老年人借助于各种方式都接受过健康生活方式的教育。他们的营养和饮食知识非常丰富--这点中国政府和媒体做得非常好。许多单位每年都会免费给职工体检,请有关的医生作健康讲座。社区也有类似的公益活动。中国人的饮食知识就在最近十年得到了一个重要的普及--这是最显著的变化。同样,在二十多年前,人们只是要求吃饱就可以了,即便身体有同饮食有关的慢性疾病,人们也非常无知。

Zu 4.

Die Veränderung ist sehr deutlich. In den letzten 10 Jahren wurden  allen Chinesen  mittleren bis hohen Alters durch verschiedene Art und Weise gesunde Lebensstile  vorgeschlagen. Sie verfügen über umfangreiche Kenntnisse über Ernährung und Essen. —Die chinesische Regierung und Medien haben in diesem Bereich Großartiges geleistet. Viele Betriebe bieten jährlich kostenlose Gesundheitschecks an, veranstalten Seminare über Gesundheit. In Wohnvierteln gibt es auch ähnliche wohltätige Veranstaltungen. Die Kenntnisse über Ernährung haben sich in den letzten 10 Jahren verbreitet. —- Dies ist die wesentliche Veränderung. Vor 20 Jahren waren die Menschen zufrieden wenn sie genügend Essen hatten,  auch wenn man durch falsche Ernährung krank werden konnte. Man war damals sehr unwissend.

5. Im Tanz beobachten wir, dass chinesische Choreografen und Tänzer sich stark an westlichen Vorbildern orientieren wenn es um geht, d.h., dass sich bis jetzt nur sehr schwach ein spezifisch chinesischer Typ „zeitgenössischer Tanz“ entwickelt hat. Beim Thema „zeitgenössischer Körper“ stellt sich die Frage, ob es eine spezifisch chinesische Erscheinungsform gibt oder ob der Globale Einfluss auch in China zu einem „globalisierten Körper“ führt. D.h. die Frage lautet (provokativ zugespitzt) wie viel kulturelle Authentizität steckt noch im „chinesischen Körper“?    

 在舞蹈中我们观察到,涉及到现代舞时,中国的编舞及舞蹈演员十分注重以西方的样本为依据, 就是说,到目前为止中国特色的现代舞发展得很弱。涉及到现代的身体这个题目就产生了这样一个问题: 这只是一个中国特殊现象呢, 还是全球化在中国的影响导致了全球化的身体。如果(挑衅地)说,即中国的身体里还存在多少自身的文化本质?

Antwort zu 5.

你说得很准确。没有中国特色的现代舞。或许,“现代舞”本身就是西方的。中国没有这个艺术门类。就像说到“行为艺术”(performance art),也没有中国特色的“行为艺术”。之所以如此,我认为是“现代舞”的全球化,而不是身体的全球化。相反,我认为,有一种独特的富于文化性的“中国的身体”,但如果以这种身体作为基础的舞蹈,就不会是西方的,规范的,标准的、全球化的“现代舞”。只要是进入到“现代舞”中,人们马上就会进入到一个框架中,从而削弱自己丰富的充满文化性的身体潜能。我也期待看到一种特殊的舞蹈,它源自中国的身体,但它既不是中国固有的“民间舞”,也不是标准的“现代舞”。它充满着魔力,虽然人们并不知道它的名字,它将在哪里出现,它如何起舞。我的遗憾是,我在中国看到过天才的舞蹈演员,但是,没有看到过能够充满思想的舞蹈家。

Zu 5.

Sie treffen genau den Punkt. Es gibt keinen  spezifisch chinesischen Typ „zeitgenössischer Tanz“. Oder anders gesagt, „zeitgenössischer Tanz“ ist eigentlich westlich. In China gab es diese Art von Tanzen  nicht. Es ist wie performance art, es gibt auch keinen spezifisch chinesischen Typ performance art. Warum es so gekommen ist, ist meiner Meinung nach durch globalisierten „zeitgenössischen Tanz“,  und nicht  durch „globalisierten Körper“.

Im Gegensatz zum Tanz  gibt es ein  spezifisch „chinesischen Körper“ mit viel kultureller Authentizität. Wenn man diesen Körper als Element des Tanzes betrachtet,  dann ist dieser Tanz nicht mehr westlicher,  formaler, typischer, globalisierter „zeitgenössischer Tanz“. Sobald man in den „zeitgenössischen Tanz“ hineingeht, tritt man sofort in einen Rahmen, dadurch schwächt sich die im Körper gestattete eigene, kulturelle Authentizität. Ich wünsche eine Tanzart zu sehen, die basiert auf chinesischem Körper, es ist kein chinesischer traditioneller Volkstanz, auch nicht der typische „zeitgenössischer Tanz“,. Er besitzt Charisma, obwohl man nicht weiß, wie er heißt, wo er erscheint, wie er anfängt. Bedauerlicherweise habe ich in China viele talentierte Tänzer gesehen, aber leider  keine intelligenten Tanzkünstler.

6. Wenn es stimmt, dass es in der chinesischen Gesellschaft fast nur hierarchisch organisierte Räume gibt, organisieren sich dann nicht auch die individuellen Körper nach diesen äußeren gesellschaftlichen Prinzipien?

如果说, 中国的社会几乎只存在等级的空间,那么个体的身体不就也会依据这外部的社会原则进行调整吗?

Antwort zu 6.

确实,人们通常可以根据身体的习性看出一个人的社会等级。但是,中国是一个迅速变化的国家。社会等级的形成大概只有十来年的时间。人们通常一夜之间就从一个等级迈入到另一个等级。等级如此之快速,而身体的变化和调整要缓慢得多。因此,你会很滑稽地看到,一些所谓上等阶层的人,还是一个下等阶层的面孔。事实上,在中国的大街上,有时候很难看出来人们到底是哪个阶层。身体和社会等级有一个恰当的关系,在中国恐怕还得很长时间才能形成一个模式。

Zu 6.

Tatsächlich. Man kann sehr oft durch körperliche Angewohnheiten eines Menschen erkennen, zu welcher Hierarchie er zugehört ist. Aber China ist ein Land mit rapiden Entwicklungen. Die Hierarchie besteht erst seit mehr als 10 Jahren. Von einer Nacht an, schritt man von einer Hierachiestufe zur nächsten. So schnell ändert sich die Hierarchie. Aber die körperlichen Veränderungen und Anpassungen gehen viel langsamer. Deswegen kann man komischer Weise sehen, dass die sogenannte Oberschicht trotzdem ein Gesicht der Unterschicht hat. Eigentlich kann man auf chinesischen Straßen  kaum erkennen, wer zu welcher Hierachie zugehört ist. Es wird in China noch lange dauern, bis das Verhältnis zwischen  Körper und Hierarchie eine zusammenpassende Form findet. 

Herzliche Grüße  衷心祝愿

Fremd-Körper 2011 / 1

Fremd-Körper / 2011/1

 Shanghai 28. April 2011

Wir sind wieder in dieser Megacity Shanghai und beginnen ein neues Projekt. FREMD-KÖRPER lautet der Arbeitstitel. Wir versuchen uns dem Phänomen „des Fremden“ auf verschiedenen Ebenen und verschiedene Weise zu nähern. Wir werden hier vier Wochen mit drei chinesischen TänzerInnen/ChoreografInnen zusammenarbeiten, Material sammeln und diskutieren, Bewegungen er-finden, Bilder und Texte entwickeln, Sounds aufnehmen, die sich zum Thema Fremd-Körper in Beziehung setzen. Später, im Juli/August werden wir uns in Berlin mit drei europäischen/westlichen TänzerInnen/ChoreografInnen mit diesem Material beschäftigen, darauf reagieren, andere Entwürfe entwickeln. Schließlich treffen sich beide Gruppen im August/September in Berlin, um gemeinsam aus dem gefundenen Material ein Tanzstück zu entwickeln. Wahrscheinlicher Premieren – Termin:

 07. September 2011 in Berlin, im EDEN*****

 

… Fremd ist, wer nicht Teil der eigenen Gruppe ist, nicht dazugehört…

Wir selbst sind hier in Shanghai „Fremde“ oder wie die Chinesen sagen Wai Guo Ren = Auslands Menschen. Obwohl wir seit über 10 Jahren diese Stadt im Zusammenhang mit Projektarbeiten besuchen, bleiben wir „Fremde“. Obwohl die Frau aus dem Imbiss, der Mann vom Gemüsestand, uns kennen und zuwinken wenn wir vorbeigehen, wir wohnen fast immer im gleichen Apartment, sind wir für sie höchstwahrscheinlich freundliche Exoten, die immer mal wieder für einige Wochen auftauchen und dann wieder verschwinden.

Unsere Recherchen zum Thema haben uns u.a. mit Herrn Wang Min An in Verbindung gebracht. [1] Er sagt, in der chinesischen Sprache ist der Begriff „Fremd-Körper“ sehr ungewöhnlich und wird eigentlich nicht gebraucht. Und, abgesehen von einigen Nationalisten seien die Chinesen überaus freundlich und sehr offen Fremden gegenüber, besonders zu Europäern. „ Allgemein lässt sich sagen, dass es eine starke Neugierde gibt in Bezug auf den „advanced“ europäischen Körper, auch weil man mit diesem entwickelten europäischen Körper die damit verbundene entwickelte Kultur verbindet mit der man in Kontakt treten möchte.“ Natürlich ist das eine sehr generalisierte Aussage, die wir aber aus eigener Erfahrung bestätigen können.

Nur, was soll das sein und was macht ihn aus, den sogenannten „advanced“ europäischen Körper  –  im Vergleich zum chinesischen Körper? Wir wissen es nicht!

Aber sicherlich eine These die wir mit Chinesen diskutieren wollen.

• Nach Husserl bestimmt sich Fremdheit nach der Art der Zugänglichkeit – die Zugänglichkeit des Unzugänglichen – und China bleibt uns letztlich unzugänglich. 

Wahrscheinlich resultieren daraus die Anziehungs- und Abstoßungskräfte die China auf uns ausübt?!

• Eine weitere Dimension „des Fremden“ tut sich offensichtlicher auf wenn man sich in einer fremden Kultur aufhält, die Selbsterfahrung intensiviert die Fremderfahrung 

mit sich selbst, ich begegne mir im Blick der Anderen. Oder noch einmal anders ausgedrückt: wie fremd bin ich mir selbst?

• Ein dritter Aspekt der uns interessiert, hat wiederum beispielhaft mit der Differenz China – Europa zu tun, wir fragen uns, ob es so etwas wie einen globalisierten Körper, 

ein globalisiertes Körperbild gibt. China ist wegen seiner komplett anderen Kultur und seiner rasanten gesellschaftlichen – ökonomischen Entwicklung besonders gut geeignet dieser Frage nachzugehen.

Diese drei Dimensionen stecken das Feld unserer Suche ab: von der Fremdheit einer Kultur zur Fremdheit des Selbst, zur Möglichkeit einer (scheinbaren) globalen Lösung des Fremdheitsphänomens.

Unseren schriftlicher Dialog mit Prof. Wang Min An aus Peking über grundsätzliche Fragen zum Verhältnis Körper und Gesellschaft, Körper und Politik werden wir ebenfalls in unserem Blog unter der Überschrift: Fragen an Herren Wang, veröffentlichen.

Unmittelbare Erfahrungen, Links zu Artikeln, Bilder, geben hoffentlich die vielschichtigen Folien wieder, auf die man schauen kann, wenn man sich mit dem FREMD-KÖRPER beschäftigt.

Mit Besten Grüßen aus Shanghai 

Dieter Baumann

Tanzcompagnie Rubato
Karl Kunger Str. 13
12435 BERLIN
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[1] (Dr. der Literatur und Professor für ausländische Literatur an der Pekinger Fremdsprachenhochschule, beschäftigt sich mit Theorie der Kritik, Kultur und Gegenwartskunst und Literatur.)

Dieter Baumann
Tanzcompagnie Rubato
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Shanghai Report 6

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Shanghai Report6

Shanghai 08. Juni. 2010

Liebe Freunde, Kollegen, Projektpartner,

From “Made in China” to “Created in China” – Transition

Tage- und Stundenlang sitzen wir mit dem chinesischen Germanistikstudenten ZHU Jinjin (25 Jahre jung), der gerade seine Abschlussprüfung hinter sich hat, und übersetzen Videointerviews ins Deutsche, die wir und die chinesischen Tänzer/Choreografen in China gemacht haben.
ZHU Jinjin nennt sich Max, damit es für Deutsche einfacher ist ihn beim Namen zu nennen. Während seiner Studienzeit in Shanghai hat er mit 7 anderen Studenten ein Zimmer geteilt, das ist ziemlich normal. (Neu gebaute Unis bieten den Studenten immerhin Zimmer in denen nur vier Personen zusammenleben.) Max findet das ok, denn es gibt eigentlich keine Alternative, es sei denn man hat reiche Eltern. Es ist billig, man lebt auf dem Campus, verschwendet keine unnötige Zeit für tägliche Hin -und Rückwege. Der Stundenplan ist straff, täglich von 8:00 Uhr bis 19:00 Uhr, außer Sonntags, danach lernen, vorbereiten, essen, schlafen. “Ich bin jetzt 25 Jahre alt und habe eigentlich keine Ahnung von der Realität” sagt Max ” Wir haben keine Zeit für Politik” und “Als ich Schüler war, war es noch viel stressiger, ich hatte eigentlich nie Freizeit. Nur mit guten Noten hatte ich eine Chance in Shanghai zu studieren”. Max hat wahrscheinlich ab Juli einen Job bei einer chinesischen Firma die Baumaschinen in Deutschland verkaufen will und Max soll dann für mehrere Jahre nach Köln als “Salesman”. Deutsch sprechende Chinesen sind selten in China, er hat eine Nische gefunden und hofft auf eine glückliche Zukunft im Ausland. Er ist enttäuscht von der chinesischen Regierung, es hat sich zuwenig geändert in den vergangenen Jahren: “die größte Veränderung besteht darin, dass die Regierung sehr viel reicher geworden ist.”

Extensive Arbeitszeiten, keine Freizeit, leben auf engem Raum, hier treffen sich die Lebensbedingungen von (Wander) Arbeitern und Studenten.
Raum und Zeit, wichtige Komponenten für Kreativität, sind in China Luxus.

Wang Hao, ebenfalls 24 Jahre jung, hat 10 Jahre in einer staatlichen Hochschule in Peking Volkstanz gelernt. Mit 22 Jahren begegnet sie dem “modern dance”, in Form eines Workshops. Eine Welt bricht zusammen, eine andere öffnet sich. “Ich habe plötzlich gefühlt, dass ich 10 Jahre lang eigentlich nicht getanzt habe, ich habe alle Schritte gelernt die die relevanten Volkstänze Chinas ausmachen, ich habe nachgemacht was man mir gezeigt hat. Ich hatte keine Ahnung was es bedeutet selbst Bewegungen zu entwickeln, zu kreieren, zu tanzen.” Aufgrund ihrer guten Technik, der Wettbewerbspreise die sie gewonnen hat, hätte sie jetzt Lehrerin an einer staatlichen Tanzhochschule sein können, ihr Wissen an eine neue Generation weitergeben können, bis zur Pensionierung. Sie lehnt ab und wendet sich dem “modern dance” zu. Jetzt bricht für die Eltern eine Welt zusammen. Doch Wang Hao ist glücklich, entdeckt etwas was ihr viel mehr bedeutet als Sicherheit, Freiheit. Inklusive aller Nebenerscheinungen, Schuldgefühle, Ungewissheit was die Zukunft bringt, Unverständnis von Familie und Freunden. Trotzdem, sie ist sich sicher, es war die richtige Entscheidung.

Sie ist jetzt ein Teil von Mahjong Dance, einer Gruppe junger unabhängiger chinesischer Tänzer / Choreografen die seit zwei Monaten zusammen mit uns an einem neuen Stück arbeiten. Zusammen kreativ sein, etwas herausfinden, eine Form für den Inhalt finden, chinesische Realität zu transformieren, in Bewegung, Tanz, Sprache. Was “Look at me I´m Chinese” ausmacht sind die Persönlichkeiten der sechs chinesischen Darsteller. Ihre Besonderheiten als Menschen die integriert sind in eine chinesische Wirklichkeit die sich täglich verändert.
Wir haben über drei Monate in Shanghai einen “Raum” organisieren können, mit deutschen Sponsorengeldern,** in dem wir zusammen experimentieren konnten, Dinge ausprobieren konnten ohne zu wissen wohin sie genau führen. Holzwege gehen, scheitern und es anders probieren. Reden, Verstehen, nicht verstehen, Prozess. Keine Kulturbürokratie oder Institution hat uns hier Vorschriften gemacht, wir waren völlig unabhängig, “frei”, auch weil wir Geld hatten uns die Proberäume zu mieten, die Struktur aufzubauen, die wir für einen solchen Prozess für geeignet hielten. Ohne die Bereitschaft, die Neugierde, die Unterstützung und die Beziehungen der chinesischen Tänzer/Choreografen in China/Shanghai, wäre uns das nicht gelungen, trotz des Geldes. Das Stück trägt unseren gemeinsamen Prozess in sich, es ist lebendig, vielschichtig, auch melancholisch – manchmal, es ist bewegt, es kostet Kraft und Atem, es treibt immer weiter, so wie China. Es ist “created in China”.
Unser Prozess geht weiter, in Berlin, ab dem 08. August 2010. Am 21. August wird dann in Berlin die Uraufführung von “Look at me, I´m Chinese” stattfinden, im Radialsystem V.
Wir sind jetzt dabei aus all dem dokumentarischen Material eine Videoinstallation zu entwickeln, die dann, ebenfalls am 21. August Premiere hat und flankierend zum Stück etwas über den Prozess, die Hintergründe, die Recherche vermitteln soll.

** Dank an dieser Stelle der Kulturstiftung des Bundes, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten, Tanz im August, Internationales Tanzfestival Berlin und Taliesen Arts Centre, Swansea, Wales,UK

Shanghai Report 5

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Shanghai Report5

Shanghai 31. Mai. 2010

Liebe Freunde, Kollegen, Projektpartner,

cheap cheap ahh … cheap cheap ahh… cheap cheap ahh…

do you wana buy a watch, a bag, I-phone, do you wana buy me!!??

Textfragmente, gesprochen, gesungen von den chinesischen TänzerInnen/PerformerInnen. Das westliche Publikum schmunzelt, das chinesische Publikum ist hin- und her- gerissen zwischen lachen, Irritation und dem Gefühl, dass man China doch in einem insgesamt positiven Licht zeigen sollte. Sie wissen, das die work in progress Vorstellung die Sie
gerade sehen, in zwei Monaten als Uraufführung in Berlin im Tanz im August zu sehen sein wird.
CAN ART Institute of Contemporary Arts, an der Eingangstür hängt ein großer handgeschriebener Hinweis das dies eine nicht öffentliche Probe ist, nur für Freunde und eingeladene Gäste. Die Polizei könnte kommen und nach dem Erlaubnispapier der Behörde fragen, diese Erlaubnis wird nicht verlangt bei ausschließlich privaten Veranstal-tungen ohne Eintritt. 300, überwiegend chinesische Menschen, sind am 27. Mai zu unserer  Performance in diese Galerie in Shanghai gekommen.  Fast ohne jede Werbung, mouth to mouth, E-mails, Blog´s, haben die “Szene” mobilisiert und unsere erwarteten 40 bis 50 Zuschauer, völlig überraschend, bei weitem übertroffen.Viele sehen das 90 minütige Stück stehend, die Stimmung ist sehr aufmerksam, teilnehmend. Langer Applaus. 

Schnitt
Seit Tagen sorgt eine Serie von Selbstmorden unter den Beschäftigten des weltweit größten Elektronik-Herstellers Foxconn in Südchina für Schlagzeilen. Nun sprang ein weiterer Mitarbeiter vom Balkon eines Wohnheimes in den Tod, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet. Das aus Taiwan stammende Unternehmen Foxconn beliefert Computerkonzerne wie Apple, Hewlett-Packard, Dell oder Sony. Foxconn zahlt in Shenzhen den örtlichen Mindestlohn von 900 Yuan (110 Euro) dafür, kleinteilige Elektronikgeräte zusammenzusetzen – eine monotone Arbeit, bei der die jungen Leute viele Stunden die gleichen Handbewegungen wiederholen. Die Arbeiter bei den Honda-Zulieferern fordern eine Aufstockung auf 2 000 Yuan (240 Euro) im Monat. Bisher erhalten sie 1 500 Yuan. Schreibtischarbeiter fordern heutzutage das bis zu Zehnfache von ihren Chefs. (Zeit.Online)
cheap cheap ahh … cheap cheap ahh… cheap cheap ahh…
Im Anschluss an unsere Vorstellung wird intensiv in kleinen Gruppen gesprochen, diskutiert, Fragen gestellt. Unser Stück zeigt aus der individuellen Perspektive der Darsteller, eine große Bandbreite chinesischen zeitgenössischen Lebens. Der Aspekt der billigen Produkte, der gefakten Produkte, der billige, käufliche Körper (und dabei geht es nicht um Prostitution), wird im Stück auch thematisiert. Überraschend finden wir, dass an diesem Abend in der “Kunst-Szene” darüber diskutiert wird ob dadurch das Bild Chinas zu kritisch gezeigt wird. Selbst wenn von den chinesischen Kritikern bestätigt wird das China die Werkbank der Welt ist, spürt man teilweise das Unbehagen dies künstlerisch zu trans-formieren. Sind wir mal wieder viel zu direkt  für China, dem Land der Indirektheit, in dem man zuerst nach rechts geht
wenn man eigentlich nach links gehen will? Trotzdem, die Zustimmung zum Stück ist sehr groß, die Vielschichtigkeit, die ästhetischen Mittel, die Choreografie, die Leistung der TänzerInnen/Performer, dies alles wird sehr positiv eingeschätzt.
Ein Tag sp äter, das ganze Team trifft sich zum Arbeitsessen. Wir sprechen über den Vorstellungsabend, die unter-schiedlichen Wahrnehmungen von westlichen und chinesischen Zuschauern. Wenn es z.B. um die billigen Produkte geht die in China hergestellt und verkauft werden dann sieht der westliche Zuschauer darin eher eine Realität der er nicht nur als Tourist begegnet, sondern auch Zuhause z.B. in Form von Elektrogeräten, T-Shirts, etc. Der Chinese blendet es lieber aus und behauptet das dies eher ein Phänomen westlicher Besucher in China sei, eine Realität, mit der er als Chinese nicht konfrontiert wird. Das Gespräch wird nochmals auf den Titel gelenkt: Look at me I´m Chinese, englisch ausgesprochen ist der Titel kein Problem für die Chinesen, übersetzt man ihn aber ins chinesische mit:  kan wo, wo shi zhong guo ren (wörtlich: schauen mich, ich bin Chinese) dann ist das zu fordernd, zu “unhöflich”, es fehlt das “QING” , BITTE, also:  “qing kan wo, wo shi zhong guo ren”,  “Bitte schau mich an, ich bin Chinese” ist kein Problem. 
Ein schönes Beispiel für die Verflechtung von Sprache und Kultur,  Semantik und Differenz.
Erneut müssen wir (Deutsche) feststellen wie schwierig der Weg des Verstehens ist. 

Schnitt 

Einem Pressebericht zufolge greift Foxconn inzwischen zu drastischen Mitteln, um Selbstmorde unter seinen Arbeitnehmern zu verhindern. 

So mussten sich die rund 300.000 Beschäftigten des Konzerns schriftlich verpflichten, sich nicht selbst zu töten. “Ich verspreche, mich oder andere niemals in einer extremen Form zu verletzen”, heißt es in dem Schreiben, dass die chinesische Zeitung Southern Metropolis Daily abdruckte. Gleichzeitig erlauben die Mitarbeiter dem Unternehmen mit ihre Unterschrift zudem, sie “zum eigenen Schutz oder dem anderer” in eine psychiatrische Klinik zu schicken, sollten sie in einer “anormalen geistigen oder körperlichen Verfassung sein”. Gebäude des Unternehmens wurden mit Netzen verhängt, um Todesstürze zu verhindern. (Zeit.Online)

Der Suizid (das Wort Selbstmord klingt in diesem Zusammenhang fast schon zynisch) der chinesischen Foxconn Arbeiter ist Ausdruck einer verzweifelten auswegslosen Situation dieser Menschen, die sich als ultimatives Mittel in den Tod stürzen. Wir bezweifeln sehr, dass diese Menschen ihr Handeln als politische Manifestation definiert hätten. Dennoch es regt sich Protest angesichts unmenschlicher Arbeitsbedingungen, hier und da gibt es Arbeitsnieder-legungen um höhere Löhne und mehr Freizeit zu fordern. Wir westlichen Konsumenten haben schließlich auch Einfluss und können entscheiden was wir kaufen oder besser nicht (mehr) kaufen. Natürlich keine einfache Forderung
angesichts der Tatsache das z.B. Bekleidung zu 90 % “Made in China” ist egal um welches Lable es sich handelt. Und, ich muss zugeben, auch dieser Report ist auf einem Apple geschrieben… 

Herzliche Grüße aus Shanghai

Shanghai Report 4

Liebe Freunde, Kollegen, Projektpartner,

nach zwei spannenden “open rehearsal” Proben vor Publikum in Shanghai, wird heute Abend
unser neues Stück mit dem endgültigen Titel: Look at me, I`m Chinese
in Shanghai im CAN – ART Institute for the Arts, einem breiteren Publikum präsentiert.
Diese “work in progress performance” zeigt den Stand des Stückes nach zwei intensiven Probemonaten
mit sieben chinesischen Künstlern in Shanghai.
Wie so oft bei solchen Projekten, beschleunigt sich die Zeit und das Ausmass an Aufgaben die noch zu
erledigen sind. D.h. dieser Report kommt spät und ist knapp… aber in den nächsten Tagen werden wir
etwas ausführlicher über den weiteren Verlauf unserer Erfahrungen berichten…

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