Rubato / China_Shanghai_ Residency 2013_BLOG 3

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3. China/Shanghai Residenz – 10. Feb. 2013

 

Schlange

 

10. Februar_chinesisches Frühlingsfest_Chunjie_ Jahr der Schlange

 

In der Nacht vom 09. auf 10. Febr. beginnt das Jahr der Schlange. Die Chinesen feiern das sogenannte Frühlingsfest (Chunjie) mit viel essen, fernsehen und Feuerwerk. 

Chunjie ist traditionsgemäß ein Familienfest. Wer kann, fährt nach Hause in seine Heimatprovinz, zu seiner Familie. Da viele Chinesen entfernt von ihrem Heimatort leben und arbeiten (müssen), ist die Zeit um das Frühlingsfest die intensivste Reisezeit in China. Millionen sind unterwegs um rechtzeitig, spätestens am 09. Februar zu Hause anzukommen. 

Vor allem für Menschen die auf Bahn und Bus angewiesen sind, ist dies oft eine „Zitterpartie“. Bahn und Bustickets lassen sich erst eine Woche vor Reisebeginn buchen. So kann es leicht passieren, dass alle Reiseverbindungen ausgebucht sind und man über Umwege versuchen muss an eine Fahrkarte zu kommen.

Shanghai hat sich schon seit einer Woche mehr und mehr geleert. Hier leben ca. 24 Millionen Menschen, davon schätzungsweise 6 Millionen Shanghainesen. D.h. allein aus Shanghai machen sich potenziell 18 Millionen auf den Weg zu ihren Familien. Sicherlich ist diese Zahl viel zu hoch, aber es ist bemerkenswert, dass allein in unserer Umgebung sehr viel Geschäfte, Büros, Baustellen geschlossen sind, die Straßen erstaunlich leer sind. 

Der sogenannte BUND, die Flaniermeile direkt am Huang Pu Fluss, der Shanghai in zwei Teile schneidet und einer der Anziehungspunkte für Touristen ist, ist so leer wie wir ihn noch nie gesehen haben seit wir hier wohnen. Bis zum 18. Februar ruht das öffentliche Leben weitestgehend, Ferienzeit!

Das Jahr der Schlange wird von Chinesen mit gemischten Gefühlen angesehen. Die Schlange steht für Schlauheit und List. 

Beides Attribute die hier einem Menschen zugeschrieben werden bei dem man nie weiß was er wirklich denkt und vorhat.

 

Das Bild hat sich geändert

Menschen_am_bund_10

Seit dem 11. Februar wird die Stadt von chinesischen Tagestouristen überschwemmt. In Prozessionen von großen und kleinen Gruppen ziehen sie die Nanjing Lu hinunter zum BUND. Die Bürgersteige sind überfüllt, die Hälfte der vierspurigen Straße wird von Fußgängern eingenommen. 

Der BUND bietet „nur“ die beeindruckende Hochhaus – Skyline des neuen Shanghai auf der anderen Seite des Huang Pu Flusses. Sehr wenige kleine Stände bieten Wasser und Saft an, mehr gibt es hier nicht zu konsumieren, die Aussicht reicht. An solchen Tagen werden hier sicherlich Millionen von Handyfotos gemacht. Bis zum Ende der Ferienzeit am 18. Februar wird das so weitergehen. Danach verschwinden die Touristen, die Stadt füllt sich wieder mit ihren Einwohnern, der BUND kehrt zurück zur Normalität. 

 

Essen und Beziehungen

Der Freund einer chinesischen Freundin lädt uns zum essen ein. Er ist Mitte/Ende 50. Im Laufe des Abends erfahren wir, dass er für die chinesische Kulturbürokratie arbeitet. 

Er bewertet das Niveau und die Inhalte von Theaterstücken, Fernsehshows, traditionelle Tanzvorstellungen. Man kann sagen, er gehört zum System der Zensurbehörde in Shanghai. Er ist ausgestattet mit einer „offiziellen“ Scheckkarte, er fährt einen Dienstwagen und hat das Privileg, in für Politbeamte speziell reservierten Parkplätzen, die es in der Stadt verteilt gibt, kostenlos zu parken. Er war früher selbst Tänzer, professioneller Volkstänzer, in Peking in einem Armeeensemble. Wie er zu seinem neuen Job kam lässt sich nur vermuten. 

Er ist sympathisch. Er versucht zu verstehen, was es mit unabhängiger Kunst, wie wir sie verstehen, auf sich hat. Bald sprechen wir über das System von Einfluss, Beziehungen, der Zugang zum „Government“ und Erfolg. Auch bei uns sind „gute Beziehungen“ ein Schlüssel um Türen zu öffnen und etwas zu bewegen, in China ist es eine absolute Notwendigkeit. 

Vor allem gute Beziehungen zum „Government“ bieten bestimmte Möglichkeiten. Mit solchen Beziehungen lässt sich z.B. ein Proberaum sichern oder Aufführungs- möglichkeiten eröffnen. Ohne diese Beziehungen sitzt man ständig auf dem Schleuderstuhl, unerwarteter Entscheidungen des „Government“. Da ist von heute auf morgen der Proberaum oder der Spielort weg, weil „Government“ eine neue Entscheidung getroffen hat. Künstler die sich nicht auf „Government“ einlassen, bewegen sich in einem Feld von Unsicherheit und Willkür. Ihre Arbeit lässt sich dann oft nur in einem privaten Rahmen „veröffentlichen“.  

Der Begriff „Government“ wird hier von englisch sprechenden Chinesen dafür verwendet, Entscheidungen, Phänomen die nicht nachvollziehbar sind, Regeln an denen nicht gerüttelt werden darf, zu erklären, eben „Government“.

Im Studio

 

Ling_xi_in_rot

  

Costume

 

Ling Xi´s Solo ist fast fertig, es ist ca. 50min. lang geworden. Es verlässt sich ausschließlich auf ihre unterschiedlichen tänzerischen Qualitäten, ihre Präsenz, ihre Wandelbarkeit. 

Es ist eine ständige Übermalung von Einflüssen, Erfahrungen und deren Verarbeitung. Was uns gefällt, ist die Entwicklung des tänzerischen Materials, von der abstrakten Form hin zur unmittelbaren emotionalen Form, vom Tänzerkörper zum Mensch Ling Xi.

Neulich hatten wir unsere zweite öffentliche Präsentation vor einem rein chinesischen Publikum. In unserem Studio haben wir das gesamte Solo gezeigt.

Die chinesischen Zuschauer reagierten vor allem auf die Brüche des Harmonischen, des Schönen, die das Stück in der zweiten Hälfte thematisiert. Das „Hässliche“, unmittelbar emotionale, erzeugt Unbehagen. Das Verlangen nach Harmonie ist nach wie vor etwas typisch chinesisches auch wenn die Wirklichkeit anders aussieht.

Seit einer Woche arbeiten wir an einem Duo für Dieter und Ling Xi. Es ist inspiriert von den Kostümobjekten die der junge britische Visual Artist  Jonathan Baldock hier in Shanghai produziert hat. 

Bis jetzt wurden seine Objekte lediglich „platziert“, wenn sie ausgestellt wurden. Das Zusammentreffen mit uns im Swatch Art Peace Hotel, befeuerte seinen Wunsch, diese „Kunststücke“ mit Leben, mit wirklichen Körpern zu füllen und zu bewegen.

Die „Kostüme“ sind bunt, übergroß, mit überlangen Ärmeln. Sie haben etwas von einer Mönchskutte, ihre Buntheit löst aber den sakralen Eindruck sofort wieder auf. Kinderkostüm, Mondrian, Bauhaus… viele Assoziationen entstehen. Wir haben extrem viel herumgespielt, ausprobiert, sehr viele Möglichkeiten ausgelotet und immer wieder heftig gelacht über skurrile Situationen. 

Ling Xi´s Wissen im Umgang mit bewegtem Stoff ist sehr hilfreich. Ein erstes, ca. 18 min. langes Fragment, ist entstanden, eine ständige Metamorphose aus Körper und „Kleid“, assoziativ, skurril, ironisch, abstrakt.

Diese Arbeit ist völlig anders gelagert als das Solo für Ling Xi. Wir wollen trotzdem diese beiden Stücke zusammen mit einem  dritten, noch nicht existenten Teil an einem Abend, als ein Programm, zeigen. Es soll den Abschluss unserer Residenzzeit in Shanghai bilden.

Dieser dritte Teil wird eine Reflexion sein, aus westlicher Sicht, über die gemeinsame Arbeit mit Ling Xi an ihrem traditionellen chinesischen Tanzmaterial. Aber auch über Eindrücke aus dem normalen chinesischen Alltag, den Körpern und Energien den wir hier begegnen.

Noch haben wir keinen fest zugesagten Spielort, „Government“ hat leider unsere bislang beste Option zunichte gemacht. Die schöne Galerie die perfekt zu unserem dreiteiligen Abend gepasst hätte ist überraschend durch wichtige Renovierungsarbeiten nicht mehr zugänglich…

Mit besten Grüßen aus Shanghai

  

Dieter Baumann / Jutta Hell

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About tanzcompagnie rubato

Tanzcompagnie R u b a t o The Berlin based dance company Rubato was founded in 1985 by Jutta Hell and Dieter Baumann. Up to this day Rubato has developed more then 50 full – length pieces in various artistic constellations and cultures and presented them in numerous tours around the world. 1990 to 1992 Rubato worked with Gerhard Bohner (one of the most important dance artist in Germany for a new approach to contemporary choreography in the 80 and 90) and received the „Award for performing Art“ by Akademie der Künste, Berlin in 1992. Since 1995 Rubato has regulary worked and co-produced in China (Guangdong, Peking, Hong Kong, Shanghai, Yunna Province). Beside other productions, the international project „Duty Free“(2001) has been produced with dancers from China, Estonia, Canada and Germany. „America! Question“ (2004) a piece with six US dancers produced in the USA and toured in Atlanta, Houston, San Francisco, Boston, New York. In 2005 Rubato created two commissioned pieces for the „House of World Cultures“ in Berlin, Shanghai Beauty, a piece with 14 chinese dancers and Eidos_Tao. Shanghai Beauty toured in 2006 world wide and was the most successful piece in Switzeland during the „Steps 2006“ Festival. A generous grant from the Cultural Foundation of the Federal Republic of Germany made it from 2009 to 2010 possible, to create a work with six independent young chinese dancers / choreographers from Beijing, Guangzhou and Shanghai: LOOK AT ME, I´M CHINESE. The piece was successfully premiered 2010 in Berlin, at the prestigious international dance festival: TANZ IM AUGUST. In 2011 MILK&BREAD / RICE&WATER was produced in Shanghai and Berlin and connected three chinese dancers and three western dancer. “THE SWATCH ART PEACE HOTEL GUEST RESIDENCY PROGRAM” has invited Jutta Hell and Dieter Baumann as first dancers / choreographers to join the residency program from December 2012 until March 2013. In 2013 and 2014 Rubato will receive again a 2 years grant from the „cultural department, city of Berlin“.

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