Rubato / China_Shanghai_ Residency 2013_BLOG 2

Tanzcompagnie Rubato_BLOG 

2. China/Shanghai Residenz – 26. Jan. 2013

Shanghai_smok

Smok und Jade

Seit Tagen hängt eine heftige Smokglocke über Shanghai. Obwohl das Wetter schön ist, eigentlich blauer Himmel, ist das Panorama der Pu Dong Hochhäuser ständig eingepackt in einem Dunstschleier. 

Selbst offizielle chinesische Nachrichten raten ab Sport im Freien zu betreiben. Die Anzahl der Atemmaskenträger hat deutlich zugenommen. 

Das dramatische Ausmaß der Luftverschmutzung in diesen Wintertagen, zumindest in den großen Städten entlang der chinesischen Ostküstenregion, lässt sich nicht nur an den Messwerten ausländischer Botschaften ablesen. Wenn die chinesische Regierung offiziell verlautbaren lässt, 

dass die Situation sehr ernst ist, Fabriken abgeschaltet werden, öffentliche Bedienstete angewiesen werden, nur öffentliche Verkehrsmittel zu benützen, dann „brennt“ es wirklich.

Normalerweise ist Shanghai viel weniger vom Smok betroffen als z.B. Beijing. Dieser Tage allerdings hat die Wetterlage den „harten“ Smok bis hierher getragen. 

Wir merken es wenn wir auf die Straße gehen und nach wenigen Schritten die Haut etwas kribbelt, das Atmen etwas schwerer fällt, sich ein leichter Druck auf die Bronchien legt, der Geruch unangenehm ist.

In unserer Residenzunterkunft haben wir den „Luxus“ gefilterter Air-Con-Luft. Es riecht neutral, aber es bläst ständig eine kalte oder warme Briese.

Auch das Wasser hier wird zentral gefiltert. Es gibt einen Wasserhahn für „normales“ Wasser und einen für „gefiltertes“ Wasser.

… Luft und Wasser… zwei existentielle Lebensgrundlagen lassen sich hier nur für die, die es sich leisten können, einigermaßen neutral konsumieren…

Ling_xi

Schönheit und Brüche

Seit Anfang Januar haben wir zusammen mit der Tänzer/Choreografin Li Ling Xi ein ca. 25 min. Solo entwickelt. 

Basierend auf Material aus dem tibetischen und mongolischen Volkstanz und Volkstanzmaterial aus der Provinz Xin Jiang.

Es klingt für westliche Ohren vermutlich merkwürdig, wenn westliche zeitgenössische Tänzer/Choreografen sich mit Volkstänzen aus China beschäftigen… 

Unser Verhältnis zum Begriff „Volkstanz“ ist nachhaltig gestört. Faschismus Vereinnahmung und der Geruch von Provinzialität… bayrischer Schuhplattler 

und Trachtengruppen aus Niedersachsen…, haften ihm an.

Wer noch nie die Vielfalt und Virtuosität chinesischer, professioneller Volkstänze gesehen hat, kann sicherlich nur schwer nachvollziehen, dass sich in diesen Tänzen nicht nur die Besonderheiten der jeweiligen Kulturgruppen zeigt, sondern sich auch eine Kunstform wiederspiegelt, die lange geübt werden muss bevor sie leicht, geschmeidig und überzeugend wirkt.

Unser Interesse liegt nicht in der Rekonstruktion dieser Tänze. Wir untersuchen, wie sich grundlegende Element, die charakteristisch und spezifisch sind, aufschließen lassen in einen zeitgenössischen Kontext. Ling Xi ist dabei unser „Medium“. Eine junge chinesische Frau mit dem Wissen und Können der Volkstänze in ihrem Körper. 

Gleichzeitig ist sie Teil dieser jetzt existierenden chinesischen Gesellschaft. Sie lebt 100 Prozent in der Gegenwart.

Der ungebrochen vorgetragene Volkstanz wirkt in anbetracht der Realität außerhalb unseres Proberaumes anachronistisch.

Schönheit, Anmut und Harmonie einerseits, Verzerrungen und Brüche andererseits. Ein Wechselbad der Gefühle. Wir versuchen einen choreografischen Weg zu finden.

Die ursprüngliche Form entfernt sich immer mehr von ihrem Ausgangspunkt. Ling Xi, einfach nur Körper, tritt als Person, stark, verletzlich, weiblich, erotisch, mehr und mehr hinter der Form in den Vordergrund. Sie verlässt die objektive Form, liefert sich als Subjekt den Blicken aus… ein Wechselbad der Gefühle…

 Gestern hatten wir unser erstes informelles Showing. In unser 70qm Studio im Swatch Art Peace Hotel kamen einige internationale Künstler die hier zur Zeit leben und arbeiten und chinesische Veranstalter die interessiert sind an unserer Arbeit.

Unsere gemeinsame Arbeit scheint überzeugend zu sein, für westliche und asiatische Augen.

Die nächste Herausforderung wird es sein, auf den Tanz von Ling Xi mit unseren westlichen Körpern zu „antworten“.

 Talltaller

Links entsteht das höchste Gebäude Chinas, 632m / 120 Stockwerke, wenn es 2014 fertig gestellt ist, sollen mehr als  10 000 Menschen dort wohnen, arbeiten, sich unterhalten. Rechts, das World Finance Centre, ca. 30 m niedriger.

…Jade

Ein ziemlich  großes Apartment  erwartet uns, als wir im 31. Stockwerk eines relativ neuen Hochhauses einen chinesischen Enddreißiger  treffen. 

Er ist an Kunst im allgemeinen und Tanz im besonderen interessiert.. Das Apartment ist wahrscheinlich 400qm groß, hat mehrere Flure und viele Zimmer. 

Die Küche ist vom feinsten und sieht völlig unbenützt aus. Die Einrichtung lässt auf eine Person schließen, die zwar viel Geld hat aber keinen Geschmack. 

Womit er sein Geld verdient, bleibt uns verschlossen. Indirekt erfahren wir, dass die Wohnung mehr als 2 Millionen Euro gekostet haben muß.

Das ist in etwa der Preis den man für ein Collier, mit einem ca. 2X3 cm großen Jadestein bezahlen muss, das wir neulich in einem kleinen Juwelierladen direkt neben unserem Residenz – Hotel in der Schaufensterauslage entdeckt haben.

Um die Ecke befindet sich das 5-Sterne Hotel Peninsula. Dort gibt es einen bekannten Nachtklub. 

Eine Flasche Champagner kostet etwa das dreifache des durchschnittlichen Monatsgehalts eines chinesischen Angestellten. Am Wochenende nimmt die Dichte besonders großer europäischer Autonobelmarken zu, die dort vorfahren. Junge extrem gut gelaunte Chinesinnen und Chinesen steigen aus um den Klub zu besuchen.

Eine Straße weiter, in einer kleinen etwas dunklen Seitengasse, befindet sich eine typische shanghaier Gaststätte. Das es dort ein Lokal gibt erschließt sich nur wenn man chinesische Schriftzeichen lesen kann oder einen Insidertyp bekommen hat. Touristen finden selten den Weg dorthin. Man trifft überwiegend ortskundige Chinesen und Shanghaier. Für umgerechnet 20 € kann man zu zweit üppig essen und Bier trinken…

Herzliche Grüße aus Shanghai

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About tanzcompagnie rubato

Tanzcompagnie R u b a t o The Berlin based dance company Rubato was founded in 1985 by Jutta Hell and Dieter Baumann. Up to this day Rubato has developed more then 50 full – length pieces in various artistic constellations and cultures and presented them in numerous tours around the world. 1990 to 1992 Rubato worked with Gerhard Bohner (one of the most important dance artist in Germany for a new approach to contemporary choreography in the 80 and 90) and received the „Award for performing Art“ by Akademie der Künste, Berlin in 1992. Since 1995 Rubato has regulary worked and co-produced in China (Guangdong, Peking, Hong Kong, Shanghai, Yunna Province). Beside other productions, the international project „Duty Free“(2001) has been produced with dancers from China, Estonia, Canada and Germany. „America! Question“ (2004) a piece with six US dancers produced in the USA and toured in Atlanta, Houston, San Francisco, Boston, New York. In 2005 Rubato created two commissioned pieces for the „House of World Cultures“ in Berlin, Shanghai Beauty, a piece with 14 chinese dancers and Eidos_Tao. Shanghai Beauty toured in 2006 world wide and was the most successful piece in Switzeland during the „Steps 2006“ Festival. A generous grant from the Cultural Foundation of the Federal Republic of Germany made it from 2009 to 2010 possible, to create a work with six independent young chinese dancers / choreographers from Beijing, Guangzhou and Shanghai: LOOK AT ME, I´M CHINESE. The piece was successfully premiered 2010 in Berlin, at the prestigious international dance festival: TANZ IM AUGUST. In 2011 MILK&BREAD / RICE&WATER was produced in Shanghai and Berlin and connected three chinese dancers and three western dancer. “THE SWATCH ART PEACE HOTEL GUEST RESIDENCY PROGRAM” has invited Jutta Hell and Dieter Baumann as first dancers / choreographers to join the residency program from December 2012 until March 2013. In 2013 and 2014 Rubato will receive again a 2 years grant from the „cultural department, city of Berlin“.

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