Tanzcompagnie Rubato_Shanghai Report/Fremd-Körper/2011/2

FREMD-KÖRPER – ein Projekt der Tanzcompagnie Rubato

Fremd/2011/2

Shanghai 13. Mai 2011

—  Was Eigenes und Fremdes ist, bestimmt sich im Ereignis des Antwortens —


Alltag – U-Bahn  – der dritte Körper


Die Frau hat sich ganz tief in die Hocke gesetzt. Sie befindet sich nicht draußen auf der Straße, am Straßenrand,

wo man dieses Bild des sitzenden, wartenden Chinesen häufiger sieht. Nein, sie sitzt in einer U-Bahn in Shanghai, direkt vor der automatischen

Schiebetür eines U-Bahn Waggons. Der Waggon ist brechend voll, bei jedem Halt schiebt sich eine Menge raus und wird ausgetauscht durch  

mindestens ebensoviele Einsteigende. Die Frau bleibt unbeirrt und stoisch direkt vor dem Aus- und Eingang sitzen. Sie ist keine Han-Chinesin,

sondern gehört  einer der 52 chinesischen Minderheiten an, ihr Gesicht  und ihre Haltung zeigen das ganz klar. Niemand beschwert sich, niemand scheint

wirklich Notiz von ihr zu nehmen, sie sitzt da wie ein Objekt, ein Gepäckstück das vergessen wurde. Vielleicht fährt sie zum ersten Mal mit einer U-Bahn?


Die junge Frau kramt schon seitdem ich in den U-Bahn Zug eingestiegen bin in ihrer roten Handtasche. Sie ist hübsch, weiß geschminktes Gesicht, sehr dick

aufgetragenes Lipgloss. Sie sortiert unentwegt kleine Täschchen um. Sie kramt zwei sehr große auffällige Ohrringe hervor, mit Hilfe eines winzigen

Spiegels fädelt sie diese in ihre Ohrläppchenlöcher. Sie kramt weiter, räumt um, öffnet Fächer, steckt etwas von hier nach da, mittlerweile schauen auch schon die ihr 

gegenübersitzenden Chinesen neugierig zu wie es weitergeht. Sie fischt eine kleine Cremetube aus ihrer Handtasche und beginnt mit großer Kraft aus der fast leeren Tube noch ein Spur Creme herauszudrücken.

Sie setzt den ganzen Körper dafür ein. Plötzlich steht sie auf, lässt ihre Handtasche einfach stehen und stellt sich direkt vor eine Ausgangstüre. Alle Zuschauer blicken 

sich abwechselnd fragend an. Der Zug hält, Fahrgäste steigen aus und ein, sie bleibt einfach stehen. Der Zug setzt sich in Bewegung, fährt vom hell erleuchteten U-Bahnhof

in den dunklen Tunnel. Das Fensterglas der Zugtüre ist jetzt wie ein Spiegel, die hübsche, auffällig geschminkte Frau beginnt zwischen zwei U-Bahnhöfen ihr Gesicht einzucremen.

Es scheint für sie keine Rolle zu spielen sich an einem öffentlichen Ort zu befinden. Sie verhält sich jedenfalls so als ob sie alleine in ihrem Badezimmer ist.


Die Haare wollen sich einfach nicht so hinkämmen lassen, wie es das junge chinesische Mädchen haben möchte. Unentwegt fährt sie mit ihren Fingern durch ihre langen schwarzen

Haare. Legt diese Strähne hierhin, jene dorthin und beginnt wieder von vorne. Völlig selbstvergessen blickt sie in das spiegelnde Fensterglas des U-Bahn Zuges.

Sie hat sich ganz nahe an die Türe gestellt. Immer und immer wieder durchkämmt sie ihre Haare, sortiert einzelne Haare aus, streicht sie, legt sie, drückt sie in neue Richtungen. 

Sie steigt dort aus wo auch ich den Zug verlasse. Ich folge ihr noch etwas, sie hört nicht auf ihre Haare zu korrigieren auch im gehen, immer wieder, auch ohne die Referenz des Spiegels.

Es fällt auf, dass der Hang, vor allem der jungen Chinesen, zu einem individuelleren Aussehen, Haarschnitt, Kleidung, Schminke, eindeutig zugenommen hat, innerhalb eines Jahres

– unser letzter längerer Aufenthalt in Shanghai war von April – Juni 2010.  Die U-Bahn als öffentlicher Ort wird zur Präsentationsplattform des individuellen Körpers, des Lifestyle. Eine Haltung die nicht “typisch chinesisch” ist.

Im Proberaum sprechen wir über unsere Beobachtungen “durch die Augen von Fremden”. Es gibt in der jungen chinesischen Generation (16 – 22 jährigen) tatsächlich so etwas wie das Erschaffen eines “dritten Körpers”.

Junge Chinesinnen legen das typisch weibliche ab, generieren sich androgyner, “tuffer”, dicke schwarze Hornbrille, Kurzhaarschnitt, selbstbewusstes Auftreten. Während junge chinesische Männer 

sich auffällig modischer kleiden, zum Teil dezent schminken, eher “weicher, weiblicher” auftreten. So findet eine Annäherung von beiden Seiten aus statt männlich > weiblich/

weiblich > männlich. Das hat nichts mit lesbisch oder schwul zu tun, wird uns versichert, es handelt sich vielmehr um ein Anderes , Fremdes… um einen dritten Körper …

Shanghai zeigt sich immer krasser als Experimentierfeld für Konsum, für Freiheiten im individuellen, privaten Kontext, für die Suche nach dem “anderen Körper”. 

Andererseits hören und lesen wir über Auseinandersetzungen innerhalb der Führung des Landes, über einen anderen Kurs, gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich. Liu Xiaobo, Ai Wei Wei, der Umgang der

politischen Führung mit diesen Protagonisten einer demokratischen Freiheitsbewegung, sind Beispiele, Zeichen, für die Duchsetzungskraft einer Gruppe von Hardlinern innerhalb der Führung der KP China´s,

die anscheinend versuchen den eher gemässigten Kurs von Hu Jingtao und Wen Jiabao, in Zukunft zu verändern. Noch weiß niemand wie dieser Konflikt enden wird.

Herzliche Grüße aus Shanghai

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About tanzcompagnie rubato

Tanzcompagnie R u b a t o The Berlin based dance company Rubato was founded in 1985 by Jutta Hell and Dieter Baumann. Up to this day Rubato has developed more then 50 full – length pieces in various artistic constellations and cultures and presented them in numerous tours around the world. 1990 to 1992 Rubato worked with Gerhard Bohner (one of the most important dance artist in Germany for a new approach to contemporary choreography in the 80 and 90) and received the „Award for performing Art“ by Akademie der Künste, Berlin in 1992. Since 1995 Rubato has regulary worked and co-produced in China (Guangdong, Peking, Hong Kong, Shanghai, Yunna Province). Beside other productions, the international project „Duty Free“(2001) has been produced with dancers from China, Estonia, Canada and Germany. „America! Question“ (2004) a piece with six US dancers produced in the USA and toured in Atlanta, Houston, San Francisco, Boston, New York. In 2005 Rubato created two commissioned pieces for the „House of World Cultures“ in Berlin, Shanghai Beauty, a piece with 14 chinese dancers and Eidos_Tao. Shanghai Beauty toured in 2006 world wide and was the most successful piece in Switzeland during the „Steps 2006“ Festival. A generous grant from the Cultural Foundation of the Federal Republic of Germany made it from 2009 to 2010 possible, to create a work with six independent young chinese dancers / choreographers from Beijing, Guangzhou and Shanghai: LOOK AT ME, I´M CHINESE. The piece was successfully premiered 2010 in Berlin, at the prestigious international dance festival: TANZ IM AUGUST. In 2011 MILK&BREAD / RICE&WATER was produced in Shanghai and Berlin and connected three chinese dancers and three western dancer. “THE SWATCH ART PEACE HOTEL GUEST RESIDENCY PROGRAM” has invited Jutta Hell and Dieter Baumann as first dancers / choreographers to join the residency program from December 2012 until March 2013. In 2013 and 2014 Rubato will receive again a 2 years grant from the „cultural department, city of Berlin“.

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