Fremd-Körper 2011 / 1

Fremd-Körper / 2011/1

 Shanghai 28. April 2011

Wir sind wieder in dieser Megacity Shanghai und beginnen ein neues Projekt. FREMD-KÖRPER lautet der Arbeitstitel. Wir versuchen uns dem Phänomen „des Fremden“ auf verschiedenen Ebenen und verschiedene Weise zu nähern. Wir werden hier vier Wochen mit drei chinesischen TänzerInnen/ChoreografInnen zusammenarbeiten, Material sammeln und diskutieren, Bewegungen er-finden, Bilder und Texte entwickeln, Sounds aufnehmen, die sich zum Thema Fremd-Körper in Beziehung setzen. Später, im Juli/August werden wir uns in Berlin mit drei europäischen/westlichen TänzerInnen/ChoreografInnen mit diesem Material beschäftigen, darauf reagieren, andere Entwürfe entwickeln. Schließlich treffen sich beide Gruppen im August/September in Berlin, um gemeinsam aus dem gefundenen Material ein Tanzstück zu entwickeln. Wahrscheinlicher Premieren – Termin:

 07. September 2011 in Berlin, im EDEN*****

 

… Fremd ist, wer nicht Teil der eigenen Gruppe ist, nicht dazugehört…

Wir selbst sind hier in Shanghai „Fremde“ oder wie die Chinesen sagen Wai Guo Ren = Auslands Menschen. Obwohl wir seit über 10 Jahren diese Stadt im Zusammenhang mit Projektarbeiten besuchen, bleiben wir „Fremde“. Obwohl die Frau aus dem Imbiss, der Mann vom Gemüsestand, uns kennen und zuwinken wenn wir vorbeigehen, wir wohnen fast immer im gleichen Apartment, sind wir für sie höchstwahrscheinlich freundliche Exoten, die immer mal wieder für einige Wochen auftauchen und dann wieder verschwinden.

Unsere Recherchen zum Thema haben uns u.a. mit Herrn Wang Min An in Verbindung gebracht. [1] Er sagt, in der chinesischen Sprache ist der Begriff „Fremd-Körper“ sehr ungewöhnlich und wird eigentlich nicht gebraucht. Und, abgesehen von einigen Nationalisten seien die Chinesen überaus freundlich und sehr offen Fremden gegenüber, besonders zu Europäern. „ Allgemein lässt sich sagen, dass es eine starke Neugierde gibt in Bezug auf den „advanced“ europäischen Körper, auch weil man mit diesem entwickelten europäischen Körper die damit verbundene entwickelte Kultur verbindet mit der man in Kontakt treten möchte.“ Natürlich ist das eine sehr generalisierte Aussage, die wir aber aus eigener Erfahrung bestätigen können.

Nur, was soll das sein und was macht ihn aus, den sogenannten „advanced“ europäischen Körper  –  im Vergleich zum chinesischen Körper? Wir wissen es nicht!

Aber sicherlich eine These die wir mit Chinesen diskutieren wollen.

• Nach Husserl bestimmt sich Fremdheit nach der Art der Zugänglichkeit – die Zugänglichkeit des Unzugänglichen – und China bleibt uns letztlich unzugänglich. 

Wahrscheinlich resultieren daraus die Anziehungs- und Abstoßungskräfte die China auf uns ausübt?!

• Eine weitere Dimension „des Fremden“ tut sich offensichtlicher auf wenn man sich in einer fremden Kultur aufhält, die Selbsterfahrung intensiviert die Fremderfahrung 

mit sich selbst, ich begegne mir im Blick der Anderen. Oder noch einmal anders ausgedrückt: wie fremd bin ich mir selbst?

• Ein dritter Aspekt der uns interessiert, hat wiederum beispielhaft mit der Differenz China – Europa zu tun, wir fragen uns, ob es so etwas wie einen globalisierten Körper, 

ein globalisiertes Körperbild gibt. China ist wegen seiner komplett anderen Kultur und seiner rasanten gesellschaftlichen – ökonomischen Entwicklung besonders gut geeignet dieser Frage nachzugehen.

Diese drei Dimensionen stecken das Feld unserer Suche ab: von der Fremdheit einer Kultur zur Fremdheit des Selbst, zur Möglichkeit einer (scheinbaren) globalen Lösung des Fremdheitsphänomens.

Unseren schriftlicher Dialog mit Prof. Wang Min An aus Peking über grundsätzliche Fragen zum Verhältnis Körper und Gesellschaft, Körper und Politik werden wir ebenfalls in unserem Blog unter der Überschrift: Fragen an Herren Wang, veröffentlichen.

Unmittelbare Erfahrungen, Links zu Artikeln, Bilder, geben hoffentlich die vielschichtigen Folien wieder, auf die man schauen kann, wenn man sich mit dem FREMD-KÖRPER beschäftigt.

Mit Besten Grüßen aus Shanghai 

Dieter Baumann

Tanzcompagnie Rubato
Karl Kunger Str. 13
12435 BERLIN
fon/fax:+49 (0)30 5321 99 30


[1] (Dr. der Literatur und Professor für ausländische Literatur an der Pekinger Fremdsprachenhochschule, beschäftigt sich mit Theorie der Kritik, Kultur und Gegenwartskunst und Literatur.)

Dieter Baumann
Tanzcompagnie Rubato
Karl Kunger Str. 13
12435 BERLIN
fon/fax:+49 (0)30 5321 99 30
Blog:

 

http://tanzcompagnie-rubato.posterous.com

Cimg0144Cimg0088Pb140085

Advertisements

About tanzcompagnie rubato

Tanzcompagnie R u b a t o The Berlin based dance company Rubato was founded in 1985 by Jutta Hell and Dieter Baumann. Up to this day Rubato has developed more then 50 full – length pieces in various artistic constellations and cultures and presented them in numerous tours around the world. 1990 to 1992 Rubato worked with Gerhard Bohner (one of the most important dance artist in Germany for a new approach to contemporary choreography in the 80 and 90) and received the „Award for performing Art“ by Akademie der Künste, Berlin in 1992. Since 1995 Rubato has regulary worked and co-produced in China (Guangdong, Peking, Hong Kong, Shanghai, Yunna Province). Beside other productions, the international project „Duty Free“(2001) has been produced with dancers from China, Estonia, Canada and Germany. „America! Question“ (2004) a piece with six US dancers produced in the USA and toured in Atlanta, Houston, San Francisco, Boston, New York. In 2005 Rubato created two commissioned pieces for the „House of World Cultures“ in Berlin, Shanghai Beauty, a piece with 14 chinese dancers and Eidos_Tao. Shanghai Beauty toured in 2006 world wide and was the most successful piece in Switzeland during the „Steps 2006“ Festival. A generous grant from the Cultural Foundation of the Federal Republic of Germany made it from 2009 to 2010 possible, to create a work with six independent young chinese dancers / choreographers from Beijing, Guangzhou and Shanghai: LOOK AT ME, I´M CHINESE. The piece was successfully premiered 2010 in Berlin, at the prestigious international dance festival: TANZ IM AUGUST. In 2011 MILK&BREAD / RICE&WATER was produced in Shanghai and Berlin and connected three chinese dancers and three western dancer. “THE SWATCH ART PEACE HOTEL GUEST RESIDENCY PROGRAM” has invited Jutta Hell and Dieter Baumann as first dancers / choreographers to join the residency program from December 2012 until March 2013. In 2013 and 2014 Rubato will receive again a 2 years grant from the „cultural department, city of Berlin“.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: