Shanghai Report 6

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Shanghai Report6

Shanghai 08. Juni. 2010

Liebe Freunde, Kollegen, Projektpartner,

From “Made in China” to “Created in China” – Transition

Tage- und Stundenlang sitzen wir mit dem chinesischen Germanistikstudenten ZHU Jinjin (25 Jahre jung), der gerade seine Abschlussprüfung hinter sich hat, und übersetzen Videointerviews ins Deutsche, die wir und die chinesischen Tänzer/Choreografen in China gemacht haben.
ZHU Jinjin nennt sich Max, damit es für Deutsche einfacher ist ihn beim Namen zu nennen. Während seiner Studienzeit in Shanghai hat er mit 7 anderen Studenten ein Zimmer geteilt, das ist ziemlich normal. (Neu gebaute Unis bieten den Studenten immerhin Zimmer in denen nur vier Personen zusammenleben.) Max findet das ok, denn es gibt eigentlich keine Alternative, es sei denn man hat reiche Eltern. Es ist billig, man lebt auf dem Campus, verschwendet keine unnötige Zeit für tägliche Hin -und Rückwege. Der Stundenplan ist straff, täglich von 8:00 Uhr bis 19:00 Uhr, außer Sonntags, danach lernen, vorbereiten, essen, schlafen. “Ich bin jetzt 25 Jahre alt und habe eigentlich keine Ahnung von der Realität” sagt Max ” Wir haben keine Zeit für Politik” und “Als ich Schüler war, war es noch viel stressiger, ich hatte eigentlich nie Freizeit. Nur mit guten Noten hatte ich eine Chance in Shanghai zu studieren”. Max hat wahrscheinlich ab Juli einen Job bei einer chinesischen Firma die Baumaschinen in Deutschland verkaufen will und Max soll dann für mehrere Jahre nach Köln als “Salesman”. Deutsch sprechende Chinesen sind selten in China, er hat eine Nische gefunden und hofft auf eine glückliche Zukunft im Ausland. Er ist enttäuscht von der chinesischen Regierung, es hat sich zuwenig geändert in den vergangenen Jahren: “die größte Veränderung besteht darin, dass die Regierung sehr viel reicher geworden ist.”

Extensive Arbeitszeiten, keine Freizeit, leben auf engem Raum, hier treffen sich die Lebensbedingungen von (Wander) Arbeitern und Studenten.
Raum und Zeit, wichtige Komponenten für Kreativität, sind in China Luxus.

Wang Hao, ebenfalls 24 Jahre jung, hat 10 Jahre in einer staatlichen Hochschule in Peking Volkstanz gelernt. Mit 22 Jahren begegnet sie dem “modern dance”, in Form eines Workshops. Eine Welt bricht zusammen, eine andere öffnet sich. “Ich habe plötzlich gefühlt, dass ich 10 Jahre lang eigentlich nicht getanzt habe, ich habe alle Schritte gelernt die die relevanten Volkstänze Chinas ausmachen, ich habe nachgemacht was man mir gezeigt hat. Ich hatte keine Ahnung was es bedeutet selbst Bewegungen zu entwickeln, zu kreieren, zu tanzen.” Aufgrund ihrer guten Technik, der Wettbewerbspreise die sie gewonnen hat, hätte sie jetzt Lehrerin an einer staatlichen Tanzhochschule sein können, ihr Wissen an eine neue Generation weitergeben können, bis zur Pensionierung. Sie lehnt ab und wendet sich dem “modern dance” zu. Jetzt bricht für die Eltern eine Welt zusammen. Doch Wang Hao ist glücklich, entdeckt etwas was ihr viel mehr bedeutet als Sicherheit, Freiheit. Inklusive aller Nebenerscheinungen, Schuldgefühle, Ungewissheit was die Zukunft bringt, Unverständnis von Familie und Freunden. Trotzdem, sie ist sich sicher, es war die richtige Entscheidung.

Sie ist jetzt ein Teil von Mahjong Dance, einer Gruppe junger unabhängiger chinesischer Tänzer / Choreografen die seit zwei Monaten zusammen mit uns an einem neuen Stück arbeiten. Zusammen kreativ sein, etwas herausfinden, eine Form für den Inhalt finden, chinesische Realität zu transformieren, in Bewegung, Tanz, Sprache. Was “Look at me I´m Chinese” ausmacht sind die Persönlichkeiten der sechs chinesischen Darsteller. Ihre Besonderheiten als Menschen die integriert sind in eine chinesische Wirklichkeit die sich täglich verändert.
Wir haben über drei Monate in Shanghai einen “Raum” organisieren können, mit deutschen Sponsorengeldern,** in dem wir zusammen experimentieren konnten, Dinge ausprobieren konnten ohne zu wissen wohin sie genau führen. Holzwege gehen, scheitern und es anders probieren. Reden, Verstehen, nicht verstehen, Prozess. Keine Kulturbürokratie oder Institution hat uns hier Vorschriften gemacht, wir waren völlig unabhängig, “frei”, auch weil wir Geld hatten uns die Proberäume zu mieten, die Struktur aufzubauen, die wir für einen solchen Prozess für geeignet hielten. Ohne die Bereitschaft, die Neugierde, die Unterstützung und die Beziehungen der chinesischen Tänzer/Choreografen in China/Shanghai, wäre uns das nicht gelungen, trotz des Geldes. Das Stück trägt unseren gemeinsamen Prozess in sich, es ist lebendig, vielschichtig, auch melancholisch – manchmal, es ist bewegt, es kostet Kraft und Atem, es treibt immer weiter, so wie China. Es ist “created in China”.
Unser Prozess geht weiter, in Berlin, ab dem 08. August 2010. Am 21. August wird dann in Berlin die Uraufführung von “Look at me, I´m Chinese” stattfinden, im Radialsystem V.
Wir sind jetzt dabei aus all dem dokumentarischen Material eine Videoinstallation zu entwickeln, die dann, ebenfalls am 21. August Premiere hat und flankierend zum Stück etwas über den Prozess, die Hintergründe, die Recherche vermitteln soll.

** Dank an dieser Stelle der Kulturstiftung des Bundes, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten, Tanz im August, Internationales Tanzfestival Berlin und Taliesen Arts Centre, Swansea, Wales,UK

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About tanzcompagnie rubato

Tanzcompagnie R u b a t o The Berlin based dance company Rubato was founded in 1985 by Jutta Hell and Dieter Baumann. Up to this day Rubato has developed more then 50 full – length pieces in various artistic constellations and cultures and presented them in numerous tours around the world. 1990 to 1992 Rubato worked with Gerhard Bohner (one of the most important dance artist in Germany for a new approach to contemporary choreography in the 80 and 90) and received the „Award for performing Art“ by Akademie der Künste, Berlin in 1992. Since 1995 Rubato has regulary worked and co-produced in China (Guangdong, Peking, Hong Kong, Shanghai, Yunna Province). Beside other productions, the international project „Duty Free“(2001) has been produced with dancers from China, Estonia, Canada and Germany. „America! Question“ (2004) a piece with six US dancers produced in the USA and toured in Atlanta, Houston, San Francisco, Boston, New York. In 2005 Rubato created two commissioned pieces for the „House of World Cultures“ in Berlin, Shanghai Beauty, a piece with 14 chinese dancers and Eidos_Tao. Shanghai Beauty toured in 2006 world wide and was the most successful piece in Switzeland during the „Steps 2006“ Festival. A generous grant from the Cultural Foundation of the Federal Republic of Germany made it from 2009 to 2010 possible, to create a work with six independent young chinese dancers / choreographers from Beijing, Guangzhou and Shanghai: LOOK AT ME, I´M CHINESE. The piece was successfully premiered 2010 in Berlin, at the prestigious international dance festival: TANZ IM AUGUST. In 2011 MILK&BREAD / RICE&WATER was produced in Shanghai and Berlin and connected three chinese dancers and three western dancer. “THE SWATCH ART PEACE HOTEL GUEST RESIDENCY PROGRAM” has invited Jutta Hell and Dieter Baumann as first dancers / choreographers to join the residency program from December 2012 until March 2013. In 2013 and 2014 Rubato will receive again a 2 years grant from the „cultural department, city of Berlin“.

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