Shanghai Report1 – Körper _China_ Rubato Tanzcompagnie / Mah Jong Dance

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Liebe Freunde, Kollegen und Projekt-Partner,

diese e-mail ist der Beginn einer Serie von e-mail´s die wir an einen ausgewählten Verteiler senden. Wir wollen in unregelmässigen Abständen aus Shanghai über den Arbeitsprozess unserer neuen deutsch/chinesischen Produktion: “pochende Zeit, so schnell_Körper China ( Arbeitstitel) berichten. Falls du/Sie kein Interesse an dieser e-mail Information hast/haben, bitte einfach ein Antwortmail mit dem Vermerk “kein Interesse” an rubato@snafu.de senden. Ansonsten freuen wir uns über einen regen Austausch, über Meinungen, Statements, Kritik…

Seit 21. März sind wir, Jutta Hell und Dieter Baumann (Tanzcompagnie Rubato, Berlin), in Shanghai, um ein Projekt vorzubereiten und zu realisieren welches sechs chinesische Tänzer aus vier unterschiedlichen Städten und Provinzen Chinas, zunächst für zwei Monate, zu einem Arbeitsprozess in Shanghai zusammenbringt. Alle DarstellerInnen sind nicht / nicht mehr in festen Tanzkompanien beschäftigt, sondern haben sich irgendwann in den letzten zwei Jahren entschieden “frei” in China als Tanz- Performance Künstler zu arbeiten. Ein noch “härteres Brot” als in Europa. Im Tanz / Performance Bereich gibt es in China kaum Strukturen für solche Künstler, geschweige denn öffentliche Förderung. Die meisten von uns angesprochenen Künstler kannten wir bereits aus vorangegangenen Produktionen in China.
Wir arbeiten seit 15 Jahren in China, um Stücke zu choreografieren, zu unterrichten oder selbst aufzuführen. Unser aktuelles Projekt  ist hierbei  für uns die logische Weiterentwicklung unserer künstlerischen und kulturellen Begegnung und Auseinandersetzung mit diesem Land, diesem (chinesisch) asiatischen Kulturkreis.
“pochende Zeit, so schnell_Körper China ( Arbeitstitel) geht von der These aus, dass die Körper die Oberfläche bilden in die Kultur sich einschreibt, dass folglich die Körper auch Reaktionen zeigen wenn kultureller Wandel stattfindet, vor allem dann, wenn das Tempo des Wandels so schnell ist wie in China.

Fragen die uns beschäftigen:
– wie manifestiert sich der gesellschaftliche Wandel Chinas in den individuellen Lebensstrukturen der Menschen;
– wie verändern sich Realität und subjektive Wahrnehmung auf Familie, persönliche  Beziehungen, auf den Körper.
– wie verändert sich die Wahrnehmung von Raum und von Zeit?
– welche Bedeutung hat “Geschichte” für das zeitgenössische Leben?

Alle sechs Darsteller hatten von uns bereits ende 2009 einen ausführlichen Fragenkatalog bekommen mit dem sie ihre Eltern, Freunde, Kollegen, Arbeiter, Angestellte etc. befragen sollten. Fotos ihrer Familie, ihrer Lebensumgebung machen sollten, Videoaufnahmen von, für sie typischen chinesischen Situationen, Ereignissen, Realitäten. Die Idee dahinter war und ist, möglichst viel konkretes Recherchematerial zu sammeln, auszutauschen und von dort aus einen gemeinsamen künstlerischen Prozess zu starten.

Der Prozess hat begonnen. Der Austausch von konkretem Recherchematerial ist langsam und erfordert viel Geduld von allen, Fotos, Video- interviews, notierte Erfahrungen, Anekdoten, kleine,  mit Handy aufgenommene Filmdokumente aus dem chinesischen Alltag. Fast alles Material ist natürlich auf chinesisch. Es findet ein dauernder verbaler Übersetzungsprozess statt , chinesisch – englisch – chinesisch.
So verschieden das gesammelte Material der Realität ist, es lassen sich doch einige verallgemeinernde Übereinstimmungen feststellen:
1. Familie wird als Orientierungspunkt immer noch als sehr bedeutend bezeichnet, gleichzeitig ist der Zerfall der langfristig stabilen Familie sehr augenscheinlich, fast alle Elternehen der Darsteller sind geschieden, die Väter und / oder Mütter haben zum Teil mehrmals wieder geheiratet. Diese Phänomen ist relativ neu, entstanden mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Wachstum seit Mitte der 80íger Jahre.

2. Die Lebens-Perspektive ist fast ausschließlich auf ZUKUNFT programmiert, Vergangenheit spielt keine oder doch nur eine sehr marginale Rolle.
3. Das Tempo der Veränderung der eigenen Realität wird als herausfordernd wahrgenommen, aber nicht anklagend, sondern eher im Tenor: so ist es damit müssen wir umgehen, unseren eigenen Weg finden.
4. Insgesamt haben sich “Lebensabläufe” beschleunigt: Wege in der Stadt, Zeit des Essens, Treffen mit Freunden.
5. Unmittelbare Beobachtungen aus unserer gegenwärtigen Realität in Shanghai: die Menge an Menschen mit denen wir täglich unseren Weg zur Arbeit teilen, hat zugenommen im Vergleich zu 2006 (letzter längerer Aufenthalt in Shanghai). Das Tempo in dem 100.000 sende sich gleichzeitig an den U-Bahn Knotenpunkten bewegen ist wahrnehmbar schneller geworden. Trotzdem gibt es keine spürbare Aggression. Das sich angepasste bewegen in der Masse ist eine “Kulturfähigkeit”, früh eingeübt in Kindergarten und Schule, z. B  durch aufstellen auf dem Schulhof,  Gruppen – Gymnastik, täglich. ALLE beherrschen diese Gymnastikprogramm!
In der momentanen Probenphase in Shanghai  arbeiten wir gemeinsam mit den chinesischen Künstlern an der Übertragung des vielfältigen und sehr konkreten Bild,Ton, Sprache… Materials in einen körperlichen Prozess.

herzliche Grüße aus dem KALTEN vor EXPO Shanghai

 

 

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About tanzcompagnie rubato

Tanzcompagnie R u b a t o The Berlin based dance company Rubato was founded in 1985 by Jutta Hell and Dieter Baumann. Up to this day Rubato has developed more then 50 full – length pieces in various artistic constellations and cultures and presented them in numerous tours around the world. 1990 to 1992 Rubato worked with Gerhard Bohner (one of the most important dance artist in Germany for a new approach to contemporary choreography in the 80 and 90) and received the „Award for performing Art“ by Akademie der Künste, Berlin in 1992. Since 1995 Rubato has regulary worked and co-produced in China (Guangdong, Peking, Hong Kong, Shanghai, Yunna Province). Beside other productions, the international project „Duty Free“(2001) has been produced with dancers from China, Estonia, Canada and Germany. „America! Question“ (2004) a piece with six US dancers produced in the USA and toured in Atlanta, Houston, San Francisco, Boston, New York. In 2005 Rubato created two commissioned pieces for the „House of World Cultures“ in Berlin, Shanghai Beauty, a piece with 14 chinese dancers and Eidos_Tao. Shanghai Beauty toured in 2006 world wide and was the most successful piece in Switzeland during the „Steps 2006“ Festival. A generous grant from the Cultural Foundation of the Federal Republic of Germany made it from 2009 to 2010 possible, to create a work with six independent young chinese dancers / choreographers from Beijing, Guangzhou and Shanghai: LOOK AT ME, I´M CHINESE. The piece was successfully premiered 2010 in Berlin, at the prestigious international dance festival: TANZ IM AUGUST. In 2011 MILK&BREAD / RICE&WATER was produced in Shanghai and Berlin and connected three chinese dancers and three western dancer. “THE SWATCH ART PEACE HOTEL GUEST RESIDENCY PROGRAM” has invited Jutta Hell and Dieter Baumann as first dancers / choreographers to join the residency program from December 2012 until March 2013. In 2013 and 2014 Rubato will receive again a 2 years grant from the „cultural department, city of Berlin“.

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