Archive | October 2010

Shanghai Report 6

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Shanghai Report6

Shanghai 08. Juni. 2010

Liebe Freunde, Kollegen, Projektpartner,

From “Made in China” to “Created in China” – Transition

Tage- und Stundenlang sitzen wir mit dem chinesischen Germanistikstudenten ZHU Jinjin (25 Jahre jung), der gerade seine Abschlussprüfung hinter sich hat, und übersetzen Videointerviews ins Deutsche, die wir und die chinesischen Tänzer/Choreografen in China gemacht haben.
ZHU Jinjin nennt sich Max, damit es für Deutsche einfacher ist ihn beim Namen zu nennen. Während seiner Studienzeit in Shanghai hat er mit 7 anderen Studenten ein Zimmer geteilt, das ist ziemlich normal. (Neu gebaute Unis bieten den Studenten immerhin Zimmer in denen nur vier Personen zusammenleben.) Max findet das ok, denn es gibt eigentlich keine Alternative, es sei denn man hat reiche Eltern. Es ist billig, man lebt auf dem Campus, verschwendet keine unnötige Zeit für tägliche Hin -und Rückwege. Der Stundenplan ist straff, täglich von 8:00 Uhr bis 19:00 Uhr, außer Sonntags, danach lernen, vorbereiten, essen, schlafen. “Ich bin jetzt 25 Jahre alt und habe eigentlich keine Ahnung von der Realität” sagt Max ” Wir haben keine Zeit für Politik” und “Als ich Schüler war, war es noch viel stressiger, ich hatte eigentlich nie Freizeit. Nur mit guten Noten hatte ich eine Chance in Shanghai zu studieren”. Max hat wahrscheinlich ab Juli einen Job bei einer chinesischen Firma die Baumaschinen in Deutschland verkaufen will und Max soll dann für mehrere Jahre nach Köln als “Salesman”. Deutsch sprechende Chinesen sind selten in China, er hat eine Nische gefunden und hofft auf eine glückliche Zukunft im Ausland. Er ist enttäuscht von der chinesischen Regierung, es hat sich zuwenig geändert in den vergangenen Jahren: “die größte Veränderung besteht darin, dass die Regierung sehr viel reicher geworden ist.”

Extensive Arbeitszeiten, keine Freizeit, leben auf engem Raum, hier treffen sich die Lebensbedingungen von (Wander) Arbeitern und Studenten.
Raum und Zeit, wichtige Komponenten für Kreativität, sind in China Luxus.

Wang Hao, ebenfalls 24 Jahre jung, hat 10 Jahre in einer staatlichen Hochschule in Peking Volkstanz gelernt. Mit 22 Jahren begegnet sie dem “modern dance”, in Form eines Workshops. Eine Welt bricht zusammen, eine andere öffnet sich. “Ich habe plötzlich gefühlt, dass ich 10 Jahre lang eigentlich nicht getanzt habe, ich habe alle Schritte gelernt die die relevanten Volkstänze Chinas ausmachen, ich habe nachgemacht was man mir gezeigt hat. Ich hatte keine Ahnung was es bedeutet selbst Bewegungen zu entwickeln, zu kreieren, zu tanzen.” Aufgrund ihrer guten Technik, der Wettbewerbspreise die sie gewonnen hat, hätte sie jetzt Lehrerin an einer staatlichen Tanzhochschule sein können, ihr Wissen an eine neue Generation weitergeben können, bis zur Pensionierung. Sie lehnt ab und wendet sich dem “modern dance” zu. Jetzt bricht für die Eltern eine Welt zusammen. Doch Wang Hao ist glücklich, entdeckt etwas was ihr viel mehr bedeutet als Sicherheit, Freiheit. Inklusive aller Nebenerscheinungen, Schuldgefühle, Ungewissheit was die Zukunft bringt, Unverständnis von Familie und Freunden. Trotzdem, sie ist sich sicher, es war die richtige Entscheidung.

Sie ist jetzt ein Teil von Mahjong Dance, einer Gruppe junger unabhängiger chinesischer Tänzer / Choreografen die seit zwei Monaten zusammen mit uns an einem neuen Stück arbeiten. Zusammen kreativ sein, etwas herausfinden, eine Form für den Inhalt finden, chinesische Realität zu transformieren, in Bewegung, Tanz, Sprache. Was “Look at me I´m Chinese” ausmacht sind die Persönlichkeiten der sechs chinesischen Darsteller. Ihre Besonderheiten als Menschen die integriert sind in eine chinesische Wirklichkeit die sich täglich verändert.
Wir haben über drei Monate in Shanghai einen “Raum” organisieren können, mit deutschen Sponsorengeldern,** in dem wir zusammen experimentieren konnten, Dinge ausprobieren konnten ohne zu wissen wohin sie genau führen. Holzwege gehen, scheitern und es anders probieren. Reden, Verstehen, nicht verstehen, Prozess. Keine Kulturbürokratie oder Institution hat uns hier Vorschriften gemacht, wir waren völlig unabhängig, “frei”, auch weil wir Geld hatten uns die Proberäume zu mieten, die Struktur aufzubauen, die wir für einen solchen Prozess für geeignet hielten. Ohne die Bereitschaft, die Neugierde, die Unterstützung und die Beziehungen der chinesischen Tänzer/Choreografen in China/Shanghai, wäre uns das nicht gelungen, trotz des Geldes. Das Stück trägt unseren gemeinsamen Prozess in sich, es ist lebendig, vielschichtig, auch melancholisch – manchmal, es ist bewegt, es kostet Kraft und Atem, es treibt immer weiter, so wie China. Es ist “created in China”.
Unser Prozess geht weiter, in Berlin, ab dem 08. August 2010. Am 21. August wird dann in Berlin die Uraufführung von “Look at me, I´m Chinese” stattfinden, im Radialsystem V.
Wir sind jetzt dabei aus all dem dokumentarischen Material eine Videoinstallation zu entwickeln, die dann, ebenfalls am 21. August Premiere hat und flankierend zum Stück etwas über den Prozess, die Hintergründe, die Recherche vermitteln soll.

** Dank an dieser Stelle der Kulturstiftung des Bundes, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten, Tanz im August, Internationales Tanzfestival Berlin und Taliesen Arts Centre, Swansea, Wales,UK

Shanghai Report 5

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Shanghai Report5

Shanghai 31. Mai. 2010

Liebe Freunde, Kollegen, Projektpartner,

cheap cheap ahh … cheap cheap ahh… cheap cheap ahh…

do you wana buy a watch, a bag, I-phone, do you wana buy me!!??

Textfragmente, gesprochen, gesungen von den chinesischen TänzerInnen/PerformerInnen. Das westliche Publikum schmunzelt, das chinesische Publikum ist hin- und her- gerissen zwischen lachen, Irritation und dem Gefühl, dass man China doch in einem insgesamt positiven Licht zeigen sollte. Sie wissen, das die work in progress Vorstellung die Sie
gerade sehen, in zwei Monaten als Uraufführung in Berlin im Tanz im August zu sehen sein wird.
CAN ART Institute of Contemporary Arts, an der Eingangstür hängt ein großer handgeschriebener Hinweis das dies eine nicht öffentliche Probe ist, nur für Freunde und eingeladene Gäste. Die Polizei könnte kommen und nach dem Erlaubnispapier der Behörde fragen, diese Erlaubnis wird nicht verlangt bei ausschließlich privaten Veranstal-tungen ohne Eintritt. 300, überwiegend chinesische Menschen, sind am 27. Mai zu unserer  Performance in diese Galerie in Shanghai gekommen.  Fast ohne jede Werbung, mouth to mouth, E-mails, Blog´s, haben die “Szene” mobilisiert und unsere erwarteten 40 bis 50 Zuschauer, völlig überraschend, bei weitem übertroffen.Viele sehen das 90 minütige Stück stehend, die Stimmung ist sehr aufmerksam, teilnehmend. Langer Applaus. 

Schnitt
Seit Tagen sorgt eine Serie von Selbstmorden unter den Beschäftigten des weltweit größten Elektronik-Herstellers Foxconn in Südchina für Schlagzeilen. Nun sprang ein weiterer Mitarbeiter vom Balkon eines Wohnheimes in den Tod, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet. Das aus Taiwan stammende Unternehmen Foxconn beliefert Computerkonzerne wie Apple, Hewlett-Packard, Dell oder Sony. Foxconn zahlt in Shenzhen den örtlichen Mindestlohn von 900 Yuan (110 Euro) dafür, kleinteilige Elektronikgeräte zusammenzusetzen – eine monotone Arbeit, bei der die jungen Leute viele Stunden die gleichen Handbewegungen wiederholen. Die Arbeiter bei den Honda-Zulieferern fordern eine Aufstockung auf 2 000 Yuan (240 Euro) im Monat. Bisher erhalten sie 1 500 Yuan. Schreibtischarbeiter fordern heutzutage das bis zu Zehnfache von ihren Chefs. (Zeit.Online)
cheap cheap ahh … cheap cheap ahh… cheap cheap ahh…
Im Anschluss an unsere Vorstellung wird intensiv in kleinen Gruppen gesprochen, diskutiert, Fragen gestellt. Unser Stück zeigt aus der individuellen Perspektive der Darsteller, eine große Bandbreite chinesischen zeitgenössischen Lebens. Der Aspekt der billigen Produkte, der gefakten Produkte, der billige, käufliche Körper (und dabei geht es nicht um Prostitution), wird im Stück auch thematisiert. Überraschend finden wir, dass an diesem Abend in der “Kunst-Szene” darüber diskutiert wird ob dadurch das Bild Chinas zu kritisch gezeigt wird. Selbst wenn von den chinesischen Kritikern bestätigt wird das China die Werkbank der Welt ist, spürt man teilweise das Unbehagen dies künstlerisch zu trans-formieren. Sind wir mal wieder viel zu direkt  für China, dem Land der Indirektheit, in dem man zuerst nach rechts geht
wenn man eigentlich nach links gehen will? Trotzdem, die Zustimmung zum Stück ist sehr groß, die Vielschichtigkeit, die ästhetischen Mittel, die Choreografie, die Leistung der TänzerInnen/Performer, dies alles wird sehr positiv eingeschätzt.
Ein Tag sp äter, das ganze Team trifft sich zum Arbeitsessen. Wir sprechen über den Vorstellungsabend, die unter-schiedlichen Wahrnehmungen von westlichen und chinesischen Zuschauern. Wenn es z.B. um die billigen Produkte geht die in China hergestellt und verkauft werden dann sieht der westliche Zuschauer darin eher eine Realität der er nicht nur als Tourist begegnet, sondern auch Zuhause z.B. in Form von Elektrogeräten, T-Shirts, etc. Der Chinese blendet es lieber aus und behauptet das dies eher ein Phänomen westlicher Besucher in China sei, eine Realität, mit der er als Chinese nicht konfrontiert wird. Das Gespräch wird nochmals auf den Titel gelenkt: Look at me I´m Chinese, englisch ausgesprochen ist der Titel kein Problem für die Chinesen, übersetzt man ihn aber ins chinesische mit:  kan wo, wo shi zhong guo ren (wörtlich: schauen mich, ich bin Chinese) dann ist das zu fordernd, zu “unhöflich”, es fehlt das “QING” , BITTE, also:  “qing kan wo, wo shi zhong guo ren”,  “Bitte schau mich an, ich bin Chinese” ist kein Problem. 
Ein schönes Beispiel für die Verflechtung von Sprache und Kultur,  Semantik und Differenz.
Erneut müssen wir (Deutsche) feststellen wie schwierig der Weg des Verstehens ist. 

Schnitt 

Einem Pressebericht zufolge greift Foxconn inzwischen zu drastischen Mitteln, um Selbstmorde unter seinen Arbeitnehmern zu verhindern. 

So mussten sich die rund 300.000 Beschäftigten des Konzerns schriftlich verpflichten, sich nicht selbst zu töten. “Ich verspreche, mich oder andere niemals in einer extremen Form zu verletzen”, heißt es in dem Schreiben, dass die chinesische Zeitung Southern Metropolis Daily abdruckte. Gleichzeitig erlauben die Mitarbeiter dem Unternehmen mit ihre Unterschrift zudem, sie “zum eigenen Schutz oder dem anderer” in eine psychiatrische Klinik zu schicken, sollten sie in einer “anormalen geistigen oder körperlichen Verfassung sein”. Gebäude des Unternehmens wurden mit Netzen verhängt, um Todesstürze zu verhindern. (Zeit.Online)

Der Suizid (das Wort Selbstmord klingt in diesem Zusammenhang fast schon zynisch) der chinesischen Foxconn Arbeiter ist Ausdruck einer verzweifelten auswegslosen Situation dieser Menschen, die sich als ultimatives Mittel in den Tod stürzen. Wir bezweifeln sehr, dass diese Menschen ihr Handeln als politische Manifestation definiert hätten. Dennoch es regt sich Protest angesichts unmenschlicher Arbeitsbedingungen, hier und da gibt es Arbeitsnieder-legungen um höhere Löhne und mehr Freizeit zu fordern. Wir westlichen Konsumenten haben schließlich auch Einfluss und können entscheiden was wir kaufen oder besser nicht (mehr) kaufen. Natürlich keine einfache Forderung
angesichts der Tatsache das z.B. Bekleidung zu 90 % “Made in China” ist egal um welches Lable es sich handelt. Und, ich muss zugeben, auch dieser Report ist auf einem Apple geschrieben… 

Herzliche Grüße aus Shanghai

Shanghai Report 4

Liebe Freunde, Kollegen, Projektpartner,

nach zwei spannenden “open rehearsal” Proben vor Publikum in Shanghai, wird heute Abend
unser neues Stück mit dem endgültigen Titel: Look at me, I`m Chinese
in Shanghai im CAN – ART Institute for the Arts, einem breiteren Publikum präsentiert.
Diese “work in progress performance” zeigt den Stand des Stückes nach zwei intensiven Probemonaten
mit sieben chinesischen Künstlern in Shanghai.
Wie so oft bei solchen Projekten, beschleunigt sich die Zeit und das Ausmass an Aufgaben die noch zu
erledigen sind. D.h. dieser Report kommt spät und ist knapp… aber in den nächsten Tagen werden wir
etwas ausführlicher über den weiteren Verlauf unserer Erfahrungen berichten…

Postcard

Shanghai Report 3

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Shanghai Report3

Shanghai 13. Mai. 2010

Liebe Freunde, Kollegen, Projektpartner,

“wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen” (Albert Camus)….

gestern ein weiteres Interview mit einem nong min gong (bäuerlicher Arbeiter = Wanderarbeiter) geführt. Ein älterer Man aus der Provinz Anhui, zieht seit 2005 hier in Shanghai von Baustelle zu Baustelle. Lebt mit seiner “workunit” inmitten von Baumaterial, Schutt, Staub, Farbdämpfen…Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in den armen, bevölkerungsreichen Provinzen, dass, wer kann, in die reichen Städte geht um dort zu arbeiten und Geld nach Hause zu schicken.

Das Interview wurde von Chen Kai einem unserer chinesischen Tänzer/Choreografen geführt. Die Fragen hatten wir vorher abgesprochen, sodaß er während des Interviews nicht ständig vom Chinesischen ins Englische übersetzen musste und so ein besserer Gesprächsfluss zustande kam. Ich bediente die Videokamera und verstand während des aktuellen Gespräches nur wenig. Umso mehr fiel mir die unglaublich ruhige, gelassene, fast fröhliche Haltung dieses Mannes auf, seine freundlichen, lebendigen Augen. Sein Leben besteht aus arbeiten, essen und schlafen. Er ist ärmlich gekleidet und das was er sein eigen nennt, kann er in ein, zwei Tragetaschen von Baustelle zu Baustelle umziehen. Er klagt nicht,  im Gegenteil, er ist zufrieden so wie er lebt, er ist nicht neidisch auf die Leute um ihn herum, die mehr haben, die teuere Autos fahren, schön gekleidet sind, er kennt kein anderes Leben. Er hat ganz klare Vorstellungen und Ziel: er hat Arbeit, das wird von ihm erwartet, er spart für seine Familie zuhause in Anhui, irgendwann will er ein altes Haus in Anhui modernisieren und darin zusammen mit seiner Familie leben.Er antwortete auf die Frage was der Körper für ihn bedeutet: UNKOSTEN.

Natürlich ist dieser Arbeiter nicht repräsentativ für die ca. 230 Millionen Wanderarbeiter die defakto mit ihrer billigen Arbeitskraft China aufbauen,
unter schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen, …ausgebeutet eben. Trotzdem hat mich diese Begegnung nachdenklich gemacht und mein
eher stereotypes Bild vom unglücklichen Wanderarbeiter ins Wanken gebracht. Auch unter dem Aspekt, dass ich die Verhältnisse hier eben doch nur durch meine deutsche/europäische “Brille” einschätzen und verstehen kann, d.h. ich kann nicht wirklich nachvollziehen das jemand der unter solchen Bedingungen lebt, so gelassen und zufrieden sein kann wie dieser Mann.

Städtische Kultur, jung bunt, selbstbewusst, ein spielerisches ausprobieren von Trends, Moden, Technologien. Unter den jungen (städtischen) Chinesen ist das Bedürfnis nach mehr individuellem Ausdruck sehr gewachsen. Am auffälligsten ist dies natürlich in der Art und Weise wie sich Frisuren und Kleidung in den letzten Jahren verändert haben, auch wenn es sich dabei oft um vom Markt gesteuerte Trends und Moden handeln mag. Trotzdem spürt man dahinter die Lust Identität, Körper, Lebensstil öffentlich sichtbar zu machen. Und, es gibt keine Einschränkung von “Oben”, sofern das Outfit im Rahmen der kodifizierten Schamgrenze bleibt.
Vier der sechs chinesischen Tänzer / Choreografen gehören dieser jungen Generation an, verkörpern dieses neue Selbstbewusstsein, gewachsen durch mehr Wohlstand und der Tatsache, dass sie viel mehr Möglichkeiten haben ihr Leben zu leben und zu gestalten als dies noch in der Generation ihre Eltern möglich war. Die unmittelbare Einflussnahme der Partei reicht nicht mehr flächendeckend bis in die Verästelungen des Privaten. Wer politisch nicht auffällt, wird privat in Ruhe gelassen.
Je länger wir an unserem neuen Stück arbeiten desto mehr erkennen wir, dass wir, beispielhaft, durch die jungen chinesischen Künstler mit diesem Teil chinesischer Realität umgehen, das dies im Stück sichtbar wird und das es sich auch im Titel niederschlagen muss. Wir einigen uns auf einen neuen Titel: look at me, I´m Chinese. Kan Wo, Wo Shi Zhong Guo Ren. Ling Xi meint, das es für ihre Eltern noch unmöglich gewesen wäre so etwas auszusprechen! Auch im Stück wird dieser Satz an verschiedenen Stellen Präsent sein: Just look at me, my body is here, you can see clearly that I am Chinese.

Unser erster Durchlauf; wir haben eine vorläufige Reihenfolge des divergierenden Materials gefunden. Das “erste Mal” ist auch im Entwicklungs-prozess eines Stückes ein besonderes Erlebnis. Es ist wie eine Reise durch chinesische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wie ein Film, jeder/jede geht durch verschieden “Charaktere”. Vielschichtigkeit prägt das Gefüge, jede/r einzelne kann sich zeigen ist stark, gleichzeitig bilden sie aber auch eine Gruppe die es versteht zusammen zu agieren, zu atmen, zu singen, zu tanzen.

look at me, I´m Chinese: Konsum, Verausgabung, Funktionieren trifft auf spielerisch junge selbstbewusste Chinesen. Widersprüche, Kulturdifferenz, Globalisierung, der chinesische Weg?

Just look at me, my body is here, you can see clearly that I am Chinese, and then you can think more about chinese culture.

Shanghai Report 2

Shanghai Report 2

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Shanghai 01. Mai 2010

Liebe Freunde, Kollegen und Projektpartner,

… gestern Abend … start der EXPO 2010 in Shanghai… wir schlagen uns zum BUND durch, eine der bekanntesten Strassen in Shanghai,
direkt am Huang Pu Fluss gelegen, eine Flaniermeile für Fussgänger, für die EXPO verlängert und aufgehübscht.
Wir sind nicht allein! Hunderttausende wollen das Feuerwerkspektakel miterleben und hoffen, wie wir, vom BUND aus in Richtung Expo-Gelände
die Show zu sehen. Der BUND ist überfüllt, alle Zugänge werden von Polizei abgeriegelt, man kann nur noch weggehen aber nicht mehr auf die erhöht liegende Spaziergänger- Plattform gelangen. Gedränge, es wird geschoben und gedrückt, die Menschen wollen da rauf, wenige schlüpfen durch die engen Polizei – Sperren. Plötzlich kracht es, das Feuerwerk geht los, tausende fangen an zu rennen um doch noch zwischen den Hochhäusern hindurch eine Lücke zu finden durch die hindurch das Riesenfeuerwerk zu sehen ist. Kurze Panikattacke. Auch wir laufen los, finden zum Glück sehr schnell eine Lücke und sehen viele Minuten lang eine beeindruckende Feuerwerksshow, der Himmel ist hell erleuchtet ununterbrochen werden hunderte von Raketen abgeschossen. Alle Farben greifen ineinander und am Ende wird immer wieder der rote Stern, das Symbol der politischen Führung, buchstäblich in den Himmel gezeichnet… Roter Stern über China… (Edgar Snow, dieses Buch wurde 1970 auf deutsch veröffentlicht) Das Spektakel ist zu Ende, die Masse löst sich auf, ziemlich diszipliniert, Alkohol oder Essen gibt es nicht. Hunderte von blau uniformierten städtischen Reinigungskräften wuseln durch die Menge und beseitigen jede Plastikflasche, mitgebrachte Tüten, Müll. Alles soll clean sein und sauber bleiben, nicht hinterher aufräumen, sondern fortwährend, ein Prozess der nicht mehr aufhören wird.

Harmonie
Harmonie, ein Lebenskonzept, Konfuze hat das schon 550 v. Chr. als eine der wichtigsten Lebensregel benannt. Hu Jintao, Staats- und Parteichef Chinas, hat das Harmoniekonzept wieder als offizielle politische Doktrin ins Spiel gebracht. Es gibt hier allerdings den ironischen Kommentar, wenn z.B. eine Internetseite aus politisch inhaltlichen Gründen zensiert wird, dann ist sie harmonisiert.

Für alle TänzerInnen ist Harmonie eine wichtige Kategorie, wenn man sie verliert muss man sie unbedingt wiedergewinnen, sonst geht man am Leben vorbei, oder verliert sein Gesicht. Es ist nicht einfach über so einen komplexen Begriff mit den chinesischen Künstlern zu sprechen. Das Selbstverständliche ist so schwer in Worten zu artikulieren. Im Körper, in der Bewegung, z. B. im traditionellen chinesischen Tanz, ist Harmonie wahrnehmbar, auch wenn wir nicht unmittelbar auf diesen Begriff stossen würden. Wir arbeiten an Übergängen, rein und raus aus “Harmonie”, es geht nicht um “Brechungen”, das ist sehr un – chinesisch. Bestimmte traditionelle Bewegungen lassen sich immer weiter auflösen, kontinuierlich, bis etwas neues entsteht, z. B. in Hip Hop Bewegungen transformiert werden, ohne wirklichen Bruch, im Übergang eben….

fake product´s
China ist voll von “fake Produkten”. Prada, Calvin Klein, Louis Vuitton, Rolex, … wir arbeiten an Texten die nur aus diesen Brand-Namen bestehen, chinesisch betont, es entstehen Lieder, Rap – texte, karikieret Verkaufs -Szenen die der Alltag hergibt. KaraokeeMassagie, good good price, very chepaa…come come come take a looki… ein großer Spaß für alle, jeder/jede hat eine ganz eigene Qualität diese Realität zu transfrormieren, bis hinein in den Körper.. you wana buy my kidney… please call me… eine andere krasse Realität der “Werkbank” China.

Improvisation

Wir improvisieren sehr viel über einfache Vorgaben, Konstellationen, wir wollen möglichst wenig Eingrenzung, wollen das die Gruppe aus dem Spiel heraus Bewegungen, Inhalte er – findet. Der Kontext der uns interessiert ist klar, jeder/ jede hat Interviews zum Thema gemacht (siehe Shanghai Report 1) Material aus der Realität zusammengetragen. Jetzt, in den Improvisationen geht es nicht mehr unmittelbar um dieses konkrete Material. Die Frage ist ob es etwas auslöst, ob etwas in diese offene Improvisieren hinein wirkt? Wir nehmen diese Impro´s auf Video auf, werten sie aus und besprechen sie mit allen TänzerInnen. Was ist für unseren Kontext interessant, was stimuliert uns alle, was ist es wert rekonstruiert zu werden? Verläufe entstehen, Kapitel werden definiert.

01. Mai / Tag der Arbeit / Maifeirertag / Kampftag der Arbeiterbewegung /
In China sind fünf Tage nationale Ferien. Shanghai ist voll von chinesischen Touristen. Der Frühling ist endlich hier angekommen.
Die Stimmung auf den Straßen, in den Parks ist entspannt, viele sind unterwegs, machen guan guan, was soviel heißt wie schlendernd, spazierengehen, Einkaufsbummel. Wir alle geniessen die Sonne und die laue Luft…

herzliche Grüße aus Shanghai

Dieter und Jutta

Shanghai Report1 – Körper _China_ Rubato Tanzcompagnie / Mah Jong Dance

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Liebe Freunde, Kollegen und Projekt-Partner,

diese e-mail ist der Beginn einer Serie von e-mail´s die wir an einen ausgewählten Verteiler senden. Wir wollen in unregelmässigen Abständen aus Shanghai über den Arbeitsprozess unserer neuen deutsch/chinesischen Produktion: “pochende Zeit, so schnell_Körper China ( Arbeitstitel) berichten. Falls du/Sie kein Interesse an dieser e-mail Information hast/haben, bitte einfach ein Antwortmail mit dem Vermerk “kein Interesse” an rubato@snafu.de senden. Ansonsten freuen wir uns über einen regen Austausch, über Meinungen, Statements, Kritik…

Seit 21. März sind wir, Jutta Hell und Dieter Baumann (Tanzcompagnie Rubato, Berlin), in Shanghai, um ein Projekt vorzubereiten und zu realisieren welches sechs chinesische Tänzer aus vier unterschiedlichen Städten und Provinzen Chinas, zunächst für zwei Monate, zu einem Arbeitsprozess in Shanghai zusammenbringt. Alle DarstellerInnen sind nicht / nicht mehr in festen Tanzkompanien beschäftigt, sondern haben sich irgendwann in den letzten zwei Jahren entschieden “frei” in China als Tanz- Performance Künstler zu arbeiten. Ein noch “härteres Brot” als in Europa. Im Tanz / Performance Bereich gibt es in China kaum Strukturen für solche Künstler, geschweige denn öffentliche Förderung. Die meisten von uns angesprochenen Künstler kannten wir bereits aus vorangegangenen Produktionen in China.
Wir arbeiten seit 15 Jahren in China, um Stücke zu choreografieren, zu unterrichten oder selbst aufzuführen. Unser aktuelles Projekt  ist hierbei  für uns die logische Weiterentwicklung unserer künstlerischen und kulturellen Begegnung und Auseinandersetzung mit diesem Land, diesem (chinesisch) asiatischen Kulturkreis.
“pochende Zeit, so schnell_Körper China ( Arbeitstitel) geht von der These aus, dass die Körper die Oberfläche bilden in die Kultur sich einschreibt, dass folglich die Körper auch Reaktionen zeigen wenn kultureller Wandel stattfindet, vor allem dann, wenn das Tempo des Wandels so schnell ist wie in China.

Fragen die uns beschäftigen:
– wie manifestiert sich der gesellschaftliche Wandel Chinas in den individuellen Lebensstrukturen der Menschen;
– wie verändern sich Realität und subjektive Wahrnehmung auf Familie, persönliche  Beziehungen, auf den Körper.
– wie verändert sich die Wahrnehmung von Raum und von Zeit?
– welche Bedeutung hat “Geschichte” für das zeitgenössische Leben?

Alle sechs Darsteller hatten von uns bereits ende 2009 einen ausführlichen Fragenkatalog bekommen mit dem sie ihre Eltern, Freunde, Kollegen, Arbeiter, Angestellte etc. befragen sollten. Fotos ihrer Familie, ihrer Lebensumgebung machen sollten, Videoaufnahmen von, für sie typischen chinesischen Situationen, Ereignissen, Realitäten. Die Idee dahinter war und ist, möglichst viel konkretes Recherchematerial zu sammeln, auszutauschen und von dort aus einen gemeinsamen künstlerischen Prozess zu starten.

Der Prozess hat begonnen. Der Austausch von konkretem Recherchematerial ist langsam und erfordert viel Geduld von allen, Fotos, Video- interviews, notierte Erfahrungen, Anekdoten, kleine,  mit Handy aufgenommene Filmdokumente aus dem chinesischen Alltag. Fast alles Material ist natürlich auf chinesisch. Es findet ein dauernder verbaler Übersetzungsprozess statt , chinesisch – englisch – chinesisch.
So verschieden das gesammelte Material der Realität ist, es lassen sich doch einige verallgemeinernde Übereinstimmungen feststellen:
1. Familie wird als Orientierungspunkt immer noch als sehr bedeutend bezeichnet, gleichzeitig ist der Zerfall der langfristig stabilen Familie sehr augenscheinlich, fast alle Elternehen der Darsteller sind geschieden, die Väter und / oder Mütter haben zum Teil mehrmals wieder geheiratet. Diese Phänomen ist relativ neu, entstanden mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Wachstum seit Mitte der 80íger Jahre.

2. Die Lebens-Perspektive ist fast ausschließlich auf ZUKUNFT programmiert, Vergangenheit spielt keine oder doch nur eine sehr marginale Rolle.
3. Das Tempo der Veränderung der eigenen Realität wird als herausfordernd wahrgenommen, aber nicht anklagend, sondern eher im Tenor: so ist es damit müssen wir umgehen, unseren eigenen Weg finden.
4. Insgesamt haben sich “Lebensabläufe” beschleunigt: Wege in der Stadt, Zeit des Essens, Treffen mit Freunden.
5. Unmittelbare Beobachtungen aus unserer gegenwärtigen Realität in Shanghai: die Menge an Menschen mit denen wir täglich unseren Weg zur Arbeit teilen, hat zugenommen im Vergleich zu 2006 (letzter längerer Aufenthalt in Shanghai). Das Tempo in dem 100.000 sende sich gleichzeitig an den U-Bahn Knotenpunkten bewegen ist wahrnehmbar schneller geworden. Trotzdem gibt es keine spürbare Aggression. Das sich angepasste bewegen in der Masse ist eine “Kulturfähigkeit”, früh eingeübt in Kindergarten und Schule, z. B  durch aufstellen auf dem Schulhof,  Gruppen – Gymnastik, täglich. ALLE beherrschen diese Gymnastikprogramm!
In der momentanen Probenphase in Shanghai  arbeiten wir gemeinsam mit den chinesischen Künstlern an der Übertragung des vielfältigen und sehr konkreten Bild,Ton, Sprache… Materials in einen körperlichen Prozess.

herzliche Grüße aus dem KALTEN vor EXPO Shanghai